Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 135 (sequence 13)
- Language
- German
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Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos tensität das sefardische Judentum, aus dessen Schoß sie kam, mit dem Verlust seiner produktiven historischen Kraft auf lange hinaus hat entgelten müssen. Jenes Missionsbewußtsein hatte sich in der lurjanischen Lehre vom Einsammeln der verstreuten Seelenfunken ausgedrückt, die zugleich zu einer neuen, im Grunde freilich uralten Bestimmung der Aufgabe des Messias führte. Die Funken des Urlichts sind, der lurjanisch-gnostischen Kosmogonie zufolge, unter die Macht der dämonischen „Schalen" und der Materie geraten. Jeder Mensch vermag diejenigen zu befreien, welche in die stumme Welt der Objekte eingeschlossen sind, die im Umkreis seines Lebens und Handelns sich ihm darbieten. Messias aber vermag mehr zu tun als Natur zu erlösen: er befreit die unter die Völker gefallenen Funken. Und hier setzt die sabbatianische Logik ein, indem sie nachdrücklich und drastisch ein Motiv benutzt, das dann in einer neuen und unendlich viel tiefer weil ohne Paradox fundamentierten Form in der chassidischen Lehre vom Sinn des Gerechten wiederauferstanden ist: Messias, gesandt, um die Funken aus den Völkern einzusammeln und so die Urgestalt der Menschheit im Übergang zum neuen Aion wiederherzustellen, kann seine Sendung nur vollbringen, indem er unter die Völker geht, ihre Taten tut und ihr Leben lebt und „unter den Bösen begraben wird". Damit verleugnet er keineswegs seine Aufgabe und die des Judentums, sondern erst damit erfüllt er sie. Cardozo und die sabbatianische Theorie sahen in Sabbatai Zewi vor allem den leidenden Messias ben Ephrajim, der — so deuteten sie Jesaja 53 — in der Krisis der Sünde die Sünde überwindet, die ihn „durchbohrt". Ja, nicht nur seine hohe Berufung zwingt ihn zum Abfall und zu „befremdlichen Taten", sondern auch Israels Sünden: auch sie sind es, die ihn in einer unheimlichen Kausalität in den Urbezirk der Sünde unter die Völker hinaustreibt. Wir anderen aber, die nicht Messias sind, haben ihm darin nicht zu folgen. Jenes höhere Gesetz der Erlösung, nach dem Messias antritt und handelt, gilt nicht für uns. Sein Handeln ist kein Beispiel, im Gegenteil — und hier taucht der Sabbatianismus tief in seine marranischen Ursprünge ein — sein Handeln ist das Ärgernis Israels. Mit beispielloser Dialektik hat Cardozo diese das jüdische Bewußtsein tief aufwühlende Lehre vorgetragen und in die Messianologie des älteren Judentums, vor allem aber in die des Sohar, hineinzuinterpretieren unternommen. Aus dunklen kabbalistischen Begriffen, die im großen Strom der mystischen Sprache mitgeschwommen waren, ohne ihr Inneres zu öffnen, entfaltet sich plötzlich eine jüdische Terminologie des Antinomismus. Kein christlicher Missio- 135