Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 134 (sequence 12)
- Language
- German
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Gerhard Scholem Setzungen als Chimäre hätte enthüllen können. Die jüdischen Geschichtsschreiber haben die verführerische Gewalt dieser neuen Lehre merkwürdig unterschätzt: sie sahen den historisch-aktuellen Anlaß allein und erkannten in ihr nur die verlegene Ausrede, mit der ein furchtbares moralisches und historisches Debacle seelisch unterbaut werden sollte. Die Tatsache, daß ohne den Übertritt Sabbatai Zewis zum Islam jene Thesis niemals aufgestellt worden wäre, die Kenntnis dieses Anlasses hat ihnen, wie so oft geschieht, den Blick für die Würdigung des aus ihm resultierenden Prozesses selbst verstellt. So sehr diese Lehre immerhin eine Ausflucht gewesen sein mag, so ist sie doch mehr als das. Nie hätte ja diese „Ausrede" solche noch heute den Leser Cardozoscher Schriften erschütternde Macht gewinnen können, über die weder Empörung noch Hohn hinwegzutäuschen vermögen, hätte sie nicht noch in ihrer Übersteigerung ein echtes Gefühl in der Seele des Juden: das Gefühl der Berufung angesprochen. Schon in der alten jüdischen Theologie war die Frage strittig, wie sich die Thora im messianischen Zeitalter verwirklichen werde. Innerhalb der Kabbala brachte besonders das Buch Temuna, wie schon erwähnt, den Gedanken einer verschiedenen Konkretisation des Corpus mysticum der Thora in jedem Aion zu entschiedenem Ausdruck. Was aber an der Grenze geschieht: in der Person des Messias selbst, war eine offene Frage, deren problematischer Charakter erst, als diese Grenze akut sichtbar zu sein schien, überhaupt erkannt wurde. Scheint doch im Messias zumindest der neue Aion schon sich anzukündigen, und somit für seine Person die solcher Situation entsprechende Beziehung zur Thora gegeben. Diese an sich durchaus noch orthodoxen Überlegungen wurden, als sie sich mit der tiefgnostischen Messianologie der lurjanischen Kabbala verbanden, historisches Dynamit. Das ungeheuer gesteigerte Missionsbewußtsein des lurjanischen Judentums, dessen Zerfall noch als letztes Produkt seiner Dialektik die Missionstheologie der Reform entstammt, bedurfte nur eines kleinen Anstoßes, um jenen Ausbruch des messianischen Antinomismus hervorzubringen, der in die Grenzen des Judentums eingebaut, in Cardozos hier geradezu revolutionären Schriften seinen gültigen Ausdruck gefunden hat. Hier ist mehr als Ausrede: alle Elemente waren schon gegeben, als sie vom galvanischen Funken eines historischen Aktes vereinigt wurden — ob dieser Akt selbst als Opfer, Schwäche oder Betrug zu deuten ist, verschlägt hier nichts — und, ein metaphysisch noch mehr als historisch ergreifendes Schauspiel, in einem antizipierten, das heißt aber: ihren Gegenstand nicht erreichenden Versuch der Revolution des jüdischen Bewußtseins verbrannten, dessen In- 134