Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 132 (sequence 10)
- Language
- German
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Gerhard Scholem Buch Sohar nieder, dessen wahrer Sinn in der Zeit des Galuth dunkel bleibt. Alles in diesem Buche ist doppeldeutig geschrieben: es scheint die Lehre der Kabbala zu enthalten, dem aber, der es mit „aufgedecktem Antlitz" liest, enthüllt es jene reine Erkenntnis. Dieses Wegzeichen haben die letzten Generationen, die noch den Tempel gesehen haben, für die Nacht des Galuth aufgerichtet, während derer das Judentum 1500 Jahre lang eine verfehlte Religion war. Die Juden wußten nicht, zu wem sie beteten, und indem die jüdischen Theologen des Mittelalters sich in falschen Spekulationen über die Schechina ergingen, verleugneten sie das göttliche Wesen. Saadja Gaon, der die Schechina als erschaffen bezeichnet, und andere der großen Religionsphilosophen des Galuthjudentums stellen den Tiefstand und die völlige Verwirrung der Gotteserkenntnis dar. Ja, noch die Mystiker bis auf Lurja selbst gaben der Schechina nicht den ihr zukommenden Ort, indem sie sie zu einem Modus unter anderen Modi, und sogar zum letzten unter ihnen machten. Und doch hatten auch im Talmud und in den Midraschim die Weisen letzte Wegzeichen durch die Nacht errichtet: all jene Stellen haggadischen Inhalts, die für die jüdische Theologie des Mittelalters höchst, anstößig waren, und die man mit einem talmudischen Ausdruck aggadoth sehet dophi, blasphemische Haggadoth nennt. Sie eben deuten auf das wahre Mysterium hin. Auch hier wieder bricht eine tief gnostisch-antinomistische Tendenz aufs unverkennbarste hervor. Die anstößigen Aggadoth sind die Symbola des wahren Gottes, der seine Klarheit einer verworrenen Welt entzieht. Nur einigen Erleuchteten ist das Mysterium offenbart worden, und gegen Ende der Nacht werden sich manche, die nach Gotteserkenntnis suchen, im Zwielicht der Vorzeit des Messias an den in Sohar und Talmud vorsichtig und ohne Ordnung verstreuten Wegzeichen zur wahren Theologie orientieren. Die Paradoxie ihrer Lehre wird alle, auch die meisten Kabbalisten, gegen sie aufbringen. Mit dem Erscheinen des Messias ben David aber wird mit einem Schlag die alte Weisheit offenbart. Denn — auch hier stützt sich Cardozo auf einen sonderbaren alten Midrasch — der Messias wird Gott nicht wie alle andern seit dem König Chiskija durch Tradition oder Offenbarung erkennen, sondern mit seiner Ratio, und eben dies absolut rationale Durchdringen des „Mysteriums des Glaubens" ist das eigentliche und untrügliche Erkennungszeichen des Messias. Der Messias als radikaler Rationalist — diese höchst erstaunliche Konzeption Cardozos enthüllt eine der innersten Intentionen kabbalistischen Denkens, die einigen Forschern im Zeitalter Hegels noch auf eine oft ergreifende Weise deutlich geworden ist, wäh- 132