Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 131 (sequence 9)
- Language
- German
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Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos sehen Theologie seitdem unter den Händen zerfallen, als er sie mit Cardozos Bausteinen rekonstruieren wollte, und hier auch ist der Punkt, wo das oft hysterische Geschrei gegen angebliche Sabbatianer im 18. Jahrhundert, wie es sich in den Kämpfen um Nechemja Chajun und später um Jonathan Eibeschütz erhoben hat, einen durchaus triftigen Grund hat. Es ist gewiß, daß einem Mann wie Eibeschütz der letzte Sinn des Judentums in, einem Licht erschienen ist, das sich nicht sehr von dem unterschied, in dem Cardozo es sah. Die qualvolle Lektüre seines großen Werkes schem 6olam beweist es, wo sich alle Begriffe der jüdischen Mystik nur zusammengefunden zu haben scheinen, um an ihrer eigenen Dialektik zu explodieren oder — trauriger gesagt — zu verpuffen. 3. Die Heilsgeschichte, auf die oben hingewiesen wurde, erweist fast noch mehr als seine Gotteslehre den Sabbatianismus als eine Krisentheologie. Die Sabbatianer sind die einzige Gruppe im Judentum, welche so etwas wie eine offizielle Philosophie der jüdischen Geschichte besessen hat, bevor Emanzipation und Reform eine schufen. Das ist natürlich kein Zufall. Im Sabbatianismus ist jene Krisis, welche die Reform nach außen dokumentiert hat, schon 150 Jahre früher im innersten Herzen des Judentums in Permanenz gesetzt worden. Als hier die alten Begriffe zuerst zerbrachen, suchte man Rechenschaft von ihrem Gange durch die Historie zu geben. An Mut hat es dabei Cardozo und seinen Anhängern nicht gefehlt. Solange die innere Verfassung der Welt in leidlicher Ordnung war, nämlich bis zur Zerstörung des Tempels — so lehrt Cardozo —, verehrte man noch den wahren „Gott Israels64, der uns aus Ägypten erlöst und in der Bibel sich offenbart hat. Die Zerstörung des Tempels war zugleich eine metaphysische Katastrophe. Mit ihr gerät die Erkenntnis Gottes in Verwirrung und es entsteht der große Irrtum, der die jüdische Geschichte im Galuth bestimmt, nämlich die Anbetung der prima causa und ihre Identifikation mit dem Gotte Israels. Es entsteht die Anbetung jenes Gottes der Heiden, des rationellen Abc's, als des Gottes des Judentums. Diese Verdunkelung des Gottesbewußtseins ist das notwendige Schicksal der unerlösten Welt. In der talmudischen Zeit, besonders in den ersten Generationen nach der Tempelzerstörung, hatte man noch die Trümmer des ursprünglichen „Mysteriums des Glaubens", und um es aufzubewahren für die messianische Zeit, wo es, auf eine neue Weise freilich, wieder geoffenbart werden wird, schrieben die Weisen des Talmud das 9* 131