Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 130 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110818--8372-3110997- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gerhard Scholem mit der Schöpfung, übt keine Vorsehung und hat keine erlösende Macht. Ihr zwar kommt einfache Einheit zu, aber diese hat keinen religiösen Gehalt. Die Christen verehren auch diese prima causa, aber sie setzen sie als dreieinig, womit sie sogar hinter den Heiden zurückbleiben. Diese prima causa aber, die ihrem Wesen nach, weil außer Konnex mit der Schöpfung, auch namenlos ist, hat aus sich als primum causatum den „Gott Israels" entlassen, welcher allein der Schöpfergott ist, der sich in den heiligen Schriften und in der heiligen Geschichte offenbart hat. In einer unerlösten Welt ist seine Erkenntnis nur durch Offenbarung und Tradition möglich. Dieser Schöpfergott nun ist — eine urgnostische Idee — androgyn, er bildet mit der Schechina, deren absolut göttliche Natur einen Hauptpunkt in Gardozos Theorien bildet, zwar nicht mehr eine einfache Einheit wie die der prima causa, wohl aber eine dynamische. Im Bilde dieses Schöpfergottes ist der Mensch geschaffen, er ist vom Menschen aus benennbar und von ihm allein handelt alle Theologie. Er ist nicht etwa eine der Sephiroth oder irgendeine Wesenheit aus den Welten, die die lurjanische Kabbala beschreibt. Diese sind Kreaturen höheren Standes, die für Kosmogonie und Kosmologie eine Bedeutung haben, nicht aber für die Erkenntnis des „Gottes Israels", der unendlich weit erhaben über dieser lurjanischen Merkaba thront. Dieser Gott hat sich offenbart, aber er inkarniert sich nicht. Es gibt keinen menschgewordenen Gott und keine gottgewordene Sephira, wie sie jene sabbatianischen Gruppen, die das Judentum verlassen haben, lehrten. Die Erkenntnis jenes androgynen Schöpfergottes und seiner dynamischen Einheit — das ist das große „Geheimnis des Glaubens", raza de-mehemanutha, welches der Gegenstand der Heilsgeschichte ist. Diese echt gnostische Theorie mit ihrer Umbiegung, um nicht zu sagen Preisgabe des Monotheismus und ihrer immanenten Abrogation der gesamten lurjanischen Spekulation, mußte den erbittertsten Widerstand jener weitesten Kreise im Judentum wecken, deren Gottesbewußtsein diese gnostische Dialektik ins Herz traf. Aber nicht das ist erstaunlich, daß sich alsbald erbitterte Gegner solcher Irrlehren meldeten, sondern vielmehr die Unsicherheit ihrer Polemik, die, wo nun einmal die Frage der Einheit Gottes im Zentrum der Kabbala wieder aufgerollt war, auch noch die Terminologie und Mythologie des lurjanischen Erbes in ihrer Dialektik zu verteidigen hatte. Darüber hinaus hat der gewaltige Eindruck der mit großer Kraft und Überzeugung vorgetragenen neuen Gotteslehre doch hingereicht, die gesamte kabbalistische Literatur der drei nächsten Generationen in ihrer Haltung zu bestimmen. Mehr als einem Kabbalisten ist die Welt der jüdi- 130