Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 129 (sequence 7)
- Language
- German
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Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos Kraft von der chassidischen Bewegung gegangen worden. Man darf ihn mit einem glücklichen Ausdruck Bubers Entschematisierung des Mysteriums nennen. Scheinbar ohne die Lehrinhalte der Kabbala anzutasten, suchte man sie unter entschlossenem Verzicht auf die zum Mythologisieren verführende lurjanische Terminologie zu limitieren. Dieses leidenschaftliche Umschmelzen der Kabbala in die Sprache der Herzen hat die unerhörte innere Macht der chassidischen Bewegung in ihren glücklichen Perioden begründet. Der andere Weg wird in dem Versuch beschritten, diese ganze Welt der mystisch-mythologischen Wesenheiten radikal aus dem Bezirke der Gottheit auszuschließen und von ihr abzutrennen. Auf diesem Wege mußte dann notwendig eine neue einfache Konzeption der mystischen Theologie versucht werden. Dieser Weg nun ist innerhalb der „orthodoxen66 Kabbala nicht beschritten worden. Kein Theologe außerhalb der sabbatianischen Bewegung hat den Mut gehabt, all jene Sephiroth und Parzuphim Lurjas und seiner Schüler aus dem göttlichen in einen kreatürlichen Stand zurückzuversetzen, und damit jenes ganze gnostische Pleroma der Kabbala um seinen religiösen Sinn zu bringen. Dieser Schritt ist allein von der sabbatianischen Theologie, unter Vorangang Cardozos gemacht worden. Schon von Sabbatai Zewi selbst wird in einer Handschrift Cardozos eine sehr bemerkenswerte Äußerung über Isaak Lurja berichtet: er habe die schönste Merkaba, Thronwelt Gottes, zurechtgemacht, aber nicht mitgeteilt, wer auf ihr throne. Mag dieses Wort im Munde Sabbatai Zewis selbst immerhin einen anderen Sinn gehabt haben (es ist nicht unmöglich, daß er auf die Inkarnation des Gottmenschen anspielt), erhält es doch bei Cardozo erst seinen wahren Sinn. Cardozo entwickelt in all seinen Schriften mit einer noch heute staunenswerten dialektischen Kraft seine neue Theologie, mit der er einen urgnostischen Zentralgedanken des Antinomismus in die Welt des Judentums selber einzubauen unternahm. Er erkaufte die lebendige Beziehung zu seinem Gotte mit der Preisgabe seiner absoluten Einheit. Cardozos Gedankengang ist in wenigen Worten etwa der: Es gibt eine erste Ursache, prima causa, deren Existenz schon mit der elementarsten Ratio eines Schulkindes erfaßbar ist. Alle Heiden und auch die Mohammedaner haben diese prima causa angebetet. In Wirklichkeit aber gebührt ihr keinerlei Anbetung und Verehrung. Nicht auf sie, die nirgends aber auch nirgends in den heiligen Büchern erwähnt wird* bezieht sich die Offenbarung. Von ihr kann außer ihrer Existenz, zu deren Erkenntnis keine Offenbarung, sondern nur das Abc des kausalen Denkens benötigt wird, nichts erkannt werden, sie steht in keinem Konnex 9 Der Jude, Sonderheft -00