Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 128 (sequence 6)
- Language
- German
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Gerhard Scholem etwas wie eine unerschaffene mystische Gestalt des Gestaltlosen, des absoluten Wesens, zu konstituieren scheint, zu ihrer unvisierbaren Mitte: der Gottheit selbst, stets nur in paradoxen Begriffen der älteren Kabbala formulierbar geworden. Deren Paradoxie, die in der mystischen Theologie Mose Cordoveros im 16. Jahrhundert die letzte Zuspitzung erfuhr, enthüllt auch hier wie immer ihre Problematik. Dennoch war es ein Leichtes für die Kabbalisten, solcher Problematik zu begegnen, solange die ursprüngliche Einfachheit ihrer theoretischen Konzeption von der „inneren" Welt erhalten blieb, und stets haben sie sich sehr kräftig gegen den nicht ausgebliebenen Vorwurf zur Wehr gesetzt, statt der christlichen Dreieinigkeit eine kabbalistische Zehneinigkeit der Gottheit statuiert zu haben. Aber wie sie auch immer die Einheit Gottes zu wahren suchten, ließen sie sich doch nie das Bewußtsein von der direkt in Gott gründenden Natur jener „inneren" göttlichen Welten und Seinsstufen nehmen, die sich der Betrachtung des Mystikers eröffnen. Aber die Lehre der Kabbala über diese Dinge komplizierte sich immer mehr und mehr, die Zahl der theosophischen Wesenheiten, Konfigurationen und möglichen Perspektiven stieg ins Ungemessene. Die unheilvolle Tendenz aller Gnosis zur reflektiven Verselbständigung und damit zur unendlichen Komplikation auch der ursprünglichsten Intuitionen hat sich aufs hemmungsloseste in der Geschichte der Kabbala in Safed, der Heimat der neueren Kabbala, ausgewirkt. Damals wurden jene hohen historischen Wechsel ausgestellt, für deren Einlösung die Geschichte nicht mehr die engen Konventikel der Mystiker, sondern das jüdische Volle haftbar gemacht hat, und die verzweifelten Versuche um solche Einlösung haben die innere Physiognomie der jüdischen Religionsgeschichte in den letzten Jahrhunderten bestimmt. In Safed verlor die mystische Welt der göttlichen Emanationen ihre einfache Konstitution, die Zehnzahl der Sephiroth wird in endlose mythologische Kataloge zerdehnt, und in der lurjanischen Kabbala ist die Fülle dieser mythologischen Überwucherungen und Schematisierungen so groß geworden, daß jeder Überblick aufhört. Vor unendlichen Mysterienwelten, deren nach wie vor, ja sogar stärker als je zuvor behaupteter Zusammenhang mit der Gottheit immer zweifelhafter wird, versagt jede Kontrolle der Ratio. Aus solcher Situation mußten mit dialektischer Notwendigkeit religiöse Prozesse entspringen, welche die Rettung des lebendigen Zusammenhangs mit Gott aus solchen mythologischen Verstrickungen versuchten. Zwei Wege boten sich hier dar. Der eine ist von manchen der großen Homiletiker in Deutschland und Italien und danach mit unerhörter 128