Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 126 (sequence 4)
- Language
- German
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Gerhard Scholem und es ist undenkbar, die sabbatianische Bewegung zu verstehen, ohne in Betracht zu ziehen, wie sehr der Boden des jüdischen Bewußtseins im Marranentum gefährdet war. Die Krisis, die sich in der Erscheinung Spinozas entschlossen nach außen schlug, hat in der sabbatianischen Bewegung ihr dem Innersten des Judentums zugekehrtes Gesicht enthüllt. Wie groß der Anteil Cardozos, der selbst noch Marrane war und seine Jugend und Studienzeit in Spanien verlebte, an der Ausbildung der in seinen Schriften vorgetragenen Lehren ist, läßt sich schwer sagen. Man wird ihn aber wohl recht hoch veranschlagen müssen. Der Sabbatianismus zeigt den dialektischen Punkt auf, an dem im Bewußtsein der Marranen die kabbalistischen Begriffe — und, wie schon gesagt, besaß das Judentum im 17. Jahrhundert im Grunde keine anderen — zerbrachen und, wenn man will, umschlugen. Ohne daß irgendein Gebot hier übertreten zu werden schien (man macht sich eine ganz falsche Vorstellung, wenn man sich diese Sabbatianer im Sinne ihrer Gegner als Gesetzesübertreter denkt) und ohne, daß sie darauf ausging, zerfiel dieser Bewegung die religiöse Substanz des Judentums unter den Händen. In ungeheuer kühnen, ja im Bezirk des Judentums revolutionären Konzeptionen suchte man mit kabbalistischen Begriffen einen Neubau aufzuführen, ohne doch zu bemerken, daß seine Bausteine unversehens Chimären wurden. An einigen Punkten, an denen dieser Prozeß mit besonderer Eindringlichkeit vor Augen tritt, soll dies hier nachgewiesen werden: an Cardozos Gotteslehre, seiner Heilsgeschichte und Messianologie, und seiner Morallehre. Von anderem, das sich elementarer Darstellung entzieht, wie dem Zusammenbruch der lurjanischen Kawwana-Lehxe, kann in diesem Zusammenhang nicht gehandelt werden. Elemente eines mystischen Antinomismus finden sich schon in der älteren Kabbala in manchen Schriften, die kanonisches Ansehen genießen, ohne daß dieser ihr Gehalt der vorsabbatianischen Zeit je deutlich zu Bewußtsein gekommen wäre, wenn auch der starke Widerstand, der gegen mehrere Schriften dieser Art bei einzelnen Kabbalisten zum Ausdruck kam, zweifellos auf ein Gefühl von der theologischen Bedenklichkeit der in ihnen entwickelten Gedankengänge zurückging. In der sabbatianischen Bewegung sind diese Elemente, die man mit dem untrüglichsten Blick für Verwandtschaft als antinomistisch geladen erkannte, zu Dynamit geworden, und in der frankistischen Bewegung, dem letzten Stadium des Sabbatianismus, hat dies Dynamit, durch eine kleine Verlagerung entzündet, das ganze Gebäude selbst gesprengt. Für Cardozo und den jüdisch gebliebenen Sabbatianismus ist hier besonders auf das Buch Temuna hinzuweisen, das eine mystische Deutung des he- 126