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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 120

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Einleitung zu einer geistigen Betrachtungsweise des Hebräischen
Date
1928-01-01
Page
120 (sequence 4)
Language
German
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Ernst Müller geordnet sind, haben die Kabbalisten Anschauungen ausgebildet, welche — abgesehen von spielerischen Nebengeleisen, z. B. hinsichtlich der Buchstabenformen — sicher nicht bloßer Spekulation entstammen, sondern ein tieferes Einleben in die Natur dieser Laute erkennen lassen. Die Berechtigung solcher Anschauungen erhellt auch aus der sonstigen sprachlichen Verwendung dieser Laute und Buchstaben, wenn z. B. das He, das man mit naturhafter Schöpferkraft in Verbindung brachte, zugleich den Artikel, das Waw, welches die obere und untere Welt verbinden soll, die Konjunktion „und" und noch im Buchstabennamen ein Verbindendes bezeichnet. Das religiöse Gefühl für die Sprache überhaupt war für den Gottesnamen zur Unaussprechlichkeit gesteigert. Sein Aussprechen im Allerheiligsten durch den Hohenpriester am Versöhnungstag war der heiligste Akt des alten Tempeldienstes überhaupt, der nach dem Berichte des Talmud in einer Zeit, als die Hörer nicht mehr für würdig gehalten wurden, durch die übertönenden Chöre wirkungslos gemacht wurde. Die Kenntnis seiner Aussprache war ein Mysterium, das nur den Lautersten persönlich mitgeteilt werden durfte. Nicht nur für die Bildung des Gottesnamens, sozusagen als Zentrum der Wortbildung1) besteht der Charakter eines (nach einem Terminus von Beckh) „lautetymologischen" Sinnes, sondern für die Wortbildung überhaupt. Zweierlei kommt hier besonders in Betracht. Zunächst in bezug auf die Sprachmaterie die freiere, souveränere Geltung der einzelnen Laute nebeneinander, wie sie ja auch an der Dreilautigkeit der meisten semitischen Wurzeln einen Rückhalt hat und dann gelegentlich in Vertauschbarkeit oder Umkehr der Lautfolge (mit oder ohne Sinnesänderung, manchmal mit Umkehr des Sinnes) sich äußert, sowie in der Tatsache, daß etwa zu zwei Wurzelbuchstaben ganz verschiedene dritte treten können, ohne daß hierdurch die wortstammliche Grundbeziehung umgestürzt wird2). Zum zweiten sind für den hebräischen Wortschatz die weiten etymologischen Zusammenhänge charakteristisch, deren Inhaltsbeziehungen manchmal tief hinter der äußeren Erfahrungssphäre verborgen liegen, zum Teile überhaupt auf eine andere oder in tieferem Sinne nationalcharakteristische Art des Welterlebnisses hinweisen, zum Teile *) Die Beziehung von Urlauten zu den anderen alphabetischen Zeichen findet sich namentlich in Kommentaren zum Buch Jezira angedeutet. Verwandt ist der Ausspruch des Nachmanides, daß die Thora gänzlich aus Gottesnamen bestehe. 2) Z. B. in den Wortstämmen kazab, kazar, kazaz, die alle ein „Abhauen" bezeichnen. 120

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