Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Einleitung zu einer geistigen Betrachtungsweise des Hebräischen
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 119 (sequence 3)
- Language
- German
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Einleitung zu einer geistigen Betrachtungsweise des Hebräischen um den Vorrang streiten, an der Spitze der Thora zu stehen, sie bringt die bildhaften Formen der Buchstaben in allerlei realistische Beziehungen. * In drei Stufen, durch Laut, Wort und Satzfügung entfaltet sich die menschliche Sprache von ihrem Urgrund bis zur offenbaren Lebenswirklichkeit. Während wir aber heute gewöhnt sind, das Geistigste auf der höchsten Stufe der Entfaltung, in Stil und Ausdrucksweise, zu suchen und Wort- und Lautelemente höchstens ästhetisch auf uns wirken lassen, war das antike, vor allem das orientalische Bewußtsein viel mehr auf das Urgeheimnis der Lautbildung gerichtet, in dem Sinne, daß dieselbe nicht als nur physiologisches Geschehnis, sondern bereits im Ursprung zugleich als geistiger Beziehungsakt betrachtet wird. Ein dunkles Gefühl hiervon lebte in späteren Deutungsmethoden — bei Kabbalisten und auch bei christlichen Nachfolgern — sogar noch in jener kindischen Form, indem man etwa aus der Lautzusammensetzung Bedeutungen der entstehenden Wörter kombinierend bestimmen wollte. Natürlich können einzelne Laute oder Buchstaben nicht festgeprägte Begriffe, bestimmte Objekte bezeichnen. Wohl aber stehen sie schon ihrer phonetischen Natur nach in Zusammenhängen mit ins Geistige reichenden Kräftekategorien, was z. B. das kabbalistische Buch Jezira dadurch ausdrückt, daß es sie bestimmten Gestirnen oder Naturelementen, und auch menschlichen Organen, zuordnet. So äußert sich z. B. der Charakter des Beth sowohl im Worte Bajith (Haus), das ja den Buchstabennamen selber darstellt, als auch in der bloß durch diesen Laut gegebenen Vorsilbe be, welche „in", gewissermaßen ein Behaustsein bezeichnet, aber auch als Einzelbuchstabe in vielen Wörtern; der Charakter* des Lamed in der gleichsam auflösenden Negation sowie in der Bezeichnung der Nacht; der Charakter des Mem in der Bezeichnung des Wassers, des Besch als Urbewegungselements in Wortstämmen wie Or (Licht), bara (Urschöpfung), rosch (Haupt, Anfang). Am unmittelbarsten zeigt sich der geistige Charakter des hebräischen Lautsystems in den sogenannten Halbvokalen (Aleph, He, Waw, Jod), welche als die immateriellsten unter allen zugleich mit dem „reinen Sein66 für den höchsten — oder, wenn man den „einmaligen" Gottesnamen Ehejeh hinzunimmt — für die beiden höchsten Gottesnamen verwendet werden. Über den „Sinn" dieser vier Laute, an deren Spitze das bereits in die Unhörbarkeit eingetretene Aleph steht, und welche in alter alphabetischer Zahlenentsprechung den Zahlen 1, 5, 6, 10 als Eckpfeilern der Dekade zu- 119