Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Einleitung zu einer geistigen Betrachtungsweise des Hebräischen
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 118 (sequence 2)
- Language
- German
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Ernst Müller gedrängt wird, es haben dieselben Mächte, welche den Nomaden- und Sklavenstamm zum Offenbarungsvolke erhoben, auch der naturhaften Sprache (die ja an sich doch wieder nicht naturhaft zu erklären ist) den Odem des Geistes eingeflößt und so, durch Wortumschaffung, Bedeutungswandel, wohl aber auch durch neue Wortschöpfung, die eigentliche hebräische Sprache zur Entstehung gebracht. Wie bei keinem anderen Volke lebt im jüdischen Volke, vor allem des Altertums, das Gefühl für den geistigen Offenbarungscharakter der Sprache und vor allem der hebräischen. Der erste schöpferische Akt der welterschaffenden Gottheit wird als Sprechen bezeichnet, worin der Keim des Logosbegriffes gelegen ist, der im Altgriechischen doch mehr als Gedanke, wenn auch kosmischobjektiver Art, gemeint war. In biblischer Meinung hat der „Name46 noch eine unmittelbare Beziehung zum benannten Wesen, und vor allem stellt der Gottesname eigentlich die dem Menschen faßbare Seite der Göttlichkeit selbst dar* In der biblischen Sprache wird nicht einfach Gott angerufen, sondern der Name Gottes, und wenn die Propheten im Namen Gottes sprechen, so ist dies ganz substantiell gemeint1). Und schließlich macht die Völkermetaphysik der biblischen Urgeschichte2) geradezu den „Namen" (Schern) zum Namen des einen der drei Hauptzweige der Menschheit, der eben die Offenbarung des Namens in die Welt herabträgt und sich eben dieser Erdenaufgabe bewußt ist, während der andere Zweig der Jafetilen seiner Benennung nach die naturhafte Welt durch Schönheit zu erheben bestimmt ist, der dritte die irdische Lebensglut vor allem rege erhält. Die volkstümliche Legende späterer Zeit hat jenes religiöse Gefühl für die Sprache dadurch zum Ausdruck gebracht, daß sie die eine Ursprache vor der babylonischen Sprachverwirrung die hebräische sein läßt, welche auch die Sprache der Engel ist. Und mehr als die erst in Anlehnung an die Araber entwickelte Grammatik knüpfen Aggada und Kabbala, letztere in mystisch-gedanklischem Ausdruck, erstere in volkstümlicher Verhüllung und Ausmalung an jenes Urgefühl an, das doch, wie wenigstens andeutungsweise gezeigt werden soll, sehr reale Grundlagen hat. Die Legende macht die Verzierung der Buchstaben zu einer Beschäftigung Gottes, sie läßt die Lautzeichen als lebendige Wesen auftreten, welche *) Merkwürdig in bezug auf diese geistig substantielle Auffassung des Namens sind u.a. besonders Ex. 3,15 und Micha 4, 5 und auch die Absicht des babylonischen Turmbaus, aus der Menschheit heraus einen Namen zu „machen" (Gen. 11, 4). 2) Siehe namentlich Gen., Kap. 9, V. 26ff. 118