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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 116

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Die neue Gläubigkeit
Date
1928-01-01
Page
116 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Friedrich Thieberger Man nennt gewöhnlich ein Geheimnis, was nicht in den Bereich ■unseres Wissens fällt. Wir vermuten, worum es etwa geht, aber wir durchschauen es noch nicht. Wir werden immerwährend im Leben des Handelns und des Denkens von Geheimnissen des Noch-nichtwissens bewegt. Es gibt aber auch ein Geheimnis dessen, was wir wissen. Schon das Wissen von uns selbst, das uns allernächste, unmittelbarste, bei dem der Erkennende und das Erkannte Eines sind, lassen die abgrundlose Tiefe, den dunklen Menschen in uns ahnen, aus dem heraus alles, was wir tun und erleiden, wie an eine Oberfläche aufsteigt. Aber in dem Wissen von der Oberfläche liegt das Geheimnis der Tiefe. Wir erfahren, daß in jedem von uns ein geheimer Auftrag waltet, mit aller Strenge und Unbeirrbarkeit, der unser körperlich-geistiges Dasein wollte, es wachsen und absterben läßt. Wir könnten ihn niemals in Worte fassen, aber daß wir seine Existenz spüren, ist unser einzig wahres Wissen. Mit jedem lebenden Ding ist es so: es entfaltet und entrollt sich in ihm ein Auftrag, eben dasjenige, was sein Persönlichstes und Heiligstes ist. Unser forschendes Denken wird uns immer nur zu Erscheinungen führen und zu den Zusammenhängen von Erscheinungen. Aber das offenbare Geheimnis der Erscheinungen, den Trieb ihrer Existenz, das „Dasein-müssen" so wie sie sind, ahnen wir nur mit dem innersten Sinn für das Geheimnis. Die Bibel ist die Urkunde des Geheimnisses. Ihre ganze Atmosphäre ist vom ersten Wort an mit dem Geheimnis erfüllt. Alle die heiligen Geheimnisse der Welt sind nur Sendboten des einzigen Urgeheimnisses, Gottes. Und es gibt keinen Bericht, der so wie dieser den Auftrag an den einzelnen Menschen so persönlich, so vertraut meinen könnte. Denn nicht ein zweites Mal gibt es dieses persönliche, vertraute Einbeschlossen-sein von Mensch, Natur und Gott, Aus einem Geheimnis kommen wir, zu ihm kehren wir zurück und nicht in einen für die Phantasie faßbaren Raum. Auf diesem Wege des Geheimnisses, in diesem Hell-Dunkel des Lebens begleitet uns der Auftrag. Der Missionsgedanke der Bibel ist der Glaube an das ungekannte Ziel, dem man zulebt, und der Messianismus ist nichts anderes als die Sehnsucht nach dem rechten Anbeginn des Weges. Das Gesetz aber ist nicht eine Heilsmethode für das ungekannte Ziel, sondern nur Mahnung, Bewährung und Freude, daß man in dem Stande einer Sendung lebt, deren Bote man ist, auch wenn man ihren Wortlaut nicht kennt. Hier wird der Unterschied zur Sinngläubigkeit vielleicht am deutlichsten. Diese möchte das Ziel enthüllen und den Gedanken ins Ewige projizieren, den die Bibel und ihre Stücke bedeuten. Dem Sinngläubigen ist die Bibel die große Lehrmeisterin zu einem 116

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