Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die neue Gläubigkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 117 (sequence 7)
- Language
- German
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Die neue Gläubigkeit bestimmbaren Wissen und einer bestimmten Haltung im Leben. Der Geheimnisgläubige aber sucht in der Bibel nicht nach objektiven Wissensdaten, nach Enthüllung von Geheimnissen des Nochnicht-wissens, sondern er fühlt den Strom des wahren Geheimnisses, der ungeheuer durch die ganze Bibel rauscht und in dessen Echo das eigene Geheimnis widertönt. Der sittliche oder symbolische Gehalt der Paradiesgeschichte mit dem Fall der ersten Menschen ist dem Geheimnisgläubigen weniger bedeutsam als das ganze Mysterium erster Menschen, die suchen, stürzen und weitersuchen, alles in dem Auftrag, zu dessen Erkenntnis die Welt erwacht. Hier wird aber auch deutlich, daß sich der Geheimnisgläubige nicht wie der Mystiker des Wortes an dieses selbst hält, es aufbricht und mit menschlichen Sinnen in ungeahnte Bezirke eindringt, sondern daß er die Frage, ob das Wort göttlich ist, in einer geheimnisvollen Schwebe läßt, weil durch das Wort der Bibel das Geheimnis, wenn man so sagen darf, verkündet wird, aus dem heraus Mensch und Welt bestehen. ERNST MÜLLER (Einleitung?tt einer geifttgen 3ßetra#tungatoetfs ^ebräifi^en Nationale Sprachverjüngung, religiöse Tradition, Philologie — mit diesen drei Schlagworten kann man die disparaten Beziehungen der Gegenwart zur hebräischen Sprache bezeichnen, zugleich auch verschiedene Verständnisbeziehungen: durch alltägliche oder schriftstellerische Praxis, durch religiöse Lebensübung, durch wissenschaftliche Forschung. Und dennoch reichen diese Wege nicht aus, um in die Tiefe des religiösen, das heißt des in Wirklichkeit geistigen Genius der Sprache zu dringen, der hier in besonders unmittelbarer Weise den geistigen Zentren des Lebens überhaupt verbunden ist. Diese Verbundenheit ist wesentlich anderer Art als etwa in modernen Sprachen. Sie geht nicht erst durch den Inhaltsausdruck oder etwa seine künstlerische Formung, sondern ist unmittelbarer in den Bau- und Bildeelementen der Sprache selbst gelegen. Der Philologe mag ja dagegen einwenden, daß die hebräische eben nur eine Sprache aus dem großen Kreise des semitischen Sprachstamms ist, innerhalb dessen andere Sprachen sich durch größeren Formen- oder Wortreichtum vor dem Hebräischen auszeichnen. Dessenungeachtet zeigt aber doch die biblische Sprache — außer ganz wenigen Inschriften bildet ja die Bibel das einzige althebräische Sprachdokument — den Charakter geistiger Ursprachlichkeit in so hohem Maße, daß man zu der Vorstellung 117