Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die neue Gläubigkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 115 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die neue Gläubigkeit mehr seine Wortgläubigkeit. Aber der Nur-Sinngläubige steht den Schwierigkeiten widerspruchsvoller Stücke und den Einwürfen späterer Erkenntnisse mit freierem Gefühl gegenüber. Der Sinn, der sich aus dem Bericht von der Weltschöpfung ergibt, daß ein einziges, unendliches Wesen die Welt erschaffen hat, ist dem Sinngläubigen das Glaubenswürdige und es bekümmert ihn nicht, ob es wirklich Gottes Rede war, das Licht vor den Gestirnen zu erschaffen. Und wenn es dort heißt: Gott sah, daß es gut war, so meint der Sinngläubige nicht, daß Gott diese Worte gesagt haben muß, sondern daß sie das Symbol eines Weltoptimismus sind, an den allein man glauben soll. Selbst wenn niemals eine Offenbarung stattgefunden hätte und wenn alle Berichte nur bildhaft gemeint wären, so sind sie doch die gewaltigsten menschlichen Entdeckungen über den Sinn der Welt. Es ist darum die biblische Worthülle nicht damit erledigt, daß ihr einfacher oder tieferer Sinn irgendeinmal freigelegt wird, sondern niemals ist das Sinndeuten abgeschlossen, immer wieder entdeckt man, oft in jahrhundertelang brachgelegenen Stellen, neue Schichtungen des Sinnes. Weil nun durch die innere Entscheidung des Glaubenden der Sinn dieser oder jener Stelle, des Teiles oder des Ganzen, gehoben oder verworfen wird, bleibt solcher Glaube autonom. Er bindet die biblische Welt an die gegenwärtige, während der rein Wortgläubige gerade umgekehrt die gegenwärtige Welt an die biblische bindet. Die Gefahr für den Wortgläubigen ist das Vergehen gegen das göttliche Wort, also die Sünde. Die Gefahr für den Sinngläubigen ist die Mißachtung eines unerkannten Stückes der Bibel, also ein Nicht-Verstehen. Für den Wortgläubigen muß die Bibelkritik ein Verbrechen an Gott sein, für den Sinngläubigen muß sie nicht einmal ein historisches Interesse haben. Hermann Cohens „Religion der Vernunft" ist ein Schulbeispiel (nicht liberaler, sondern) sinngläubiger Bibelerschließung; die Bibelkritik bleibt abseits liegen. Es darf aber niemals vergessen werden, wie unablösbar der Sinn vom biblischen Bericht ist. Der Sinn hat wohl das Streben nach selbständiger Fortbildung und nimmt unversehens die Richtung ins Philosophische. Aber wenn der Sinngläubige nicht in jedem Augenblick die biblische Ausgangsebene gegenwärtig hat, verliert der Sinn seine Lebensfülle und damit den schöpferischen Antrieb. Die Sinngläubigkeit an den einzigen Gott wächst nur aus der Anschaubarkeit des biblischen Grundberichtes. Es gibt aber noch eine dritte Weise, an die Bibel zu glauben: die Geheimnisgläubigkeit. Sie bereitet sich erst langsam im Gefühl mancher vor, aber zukünftige Menschen werden sich ihr vielleicht am meisten eröffnen. 8* 115