Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die neue Gläubigkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 114 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110816--8352-3110981- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Friedrich Thieberger Worte in erster Reihe bezieht. Ihm erschienen die zehn Worte vom Sinai zentraler für den Glauben als die Worte über die Opferbräuche. Die liberale Auffassung scheute hier auch vor wertenden Schichtungen nicht zurück. Aber weder durch logische noch wertmäßige Gründe läßt sich die Erhaltung der Wortgläubigkeit erklären, sondern nur durch die lebendigen Lebensformen, die dem allgemeinen Bedürfnis des jüdischen Menschen Übergenüge taten und durch ständige geistige Wortbeschäftigung zum fernen Bibelwort in ahnende Beziehung setzten. Man glaubte (und glaubt) an das Bibel wort, weil nur durch dieses die geliebte Realität des jüdischen Tages, wie man ihn lebt, letzten Endes sanktioniert wird. Man glaubte (und glaubt) an die Göttlichkeit des Berichtes über den Auszug aus Ägypten, weil die Lebensfülle des Pessahfestes, bis in ihre feinsten Details, eine Orientierung im ganzen Jahr schuf und weil die immer erneuerte Diskussion des talmudischen Schrifttums Wort um Wort, gesetzlich oder legendär, durchleuchtete und so der unausdeutbare Reichtum der Konsequenzen die überirdische Einzigartigkeit des Bibelwortes verbürgte. Darum ließ die Wortgläubigkeit auch in dem lange behüteten Osten so schnell nach, weil ihre lebendige Voraussetzung, die Entfaltungsform des Wortes, gemindert ist. Denn man darf hier paradox sagen, daß die Konsequenz die Voraussetzung ist. Auch dem magischen Bedürfnis, das in jedem Menschen lebt, aus innersten Kräften auf die gegenständliche Welt einzuwirken, kommt die Wortgläubigkeit sehr entgegen. Welcher unmittelbare Halt am Überirdischen, wenn man ihn bei seinem Worte nehmen kann! Gebete, die man aus biblischen Worten zusammenstellt, lassen sich wie Zauberformeln aussprechen. Kabbala und Zahlenmystik dehnen die biblischen Worte zu einer Weltglocke aus, unter der sie neue Spiegelungen, Maße und Gedankensysteme entdecken. Man muß den Buchstaben wie eine Hülle zurückschlagen, um sehen zu können. Nicht dem, der nur an das Ewig-Dunkle im Leben, sondern dem, der an die nur verhüllte Klarheit des Gotteswortes glaubt, öffnen sich die Augen. Man sollte diesen Unterschied zwischen biblischer Wortmystik und agnostischer Mystik von heute nicht verkennen. Die andere Art von Bibelgläubigkeit ist mit der früheren nicht an unmittelbarer Gewißheit, das Wort Gottes zu besitzen, vergleichbar, sie ist aber nicht geringwertiger an innerem Schwung und an lebensbestimmender Kraft: es ist der Glaube an den Sinn der biblischen Berichte. Auch dem Wortgläubigen teilt sich ein über den Stücken waltender Sinn mit, ja, seine Sinngläubigkeit stützt nur noch 114