Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die neue Gläubigkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 113 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die neue Gläubigkeit einmal aber wird die eindeutig klare Bibelgläubigkeit der Prüfstein für jeden Glauben, der sieb auf das Judentum als ein geistiges Phänomen bezieht. Daß Bubers Weg immer näher zur Bibel und schließlich ganz in ihren Bereich führt, ist nur eine Gewähr dafür, wie sehr seine raschen Anfänge Tiefenschau waren. Heute oder morgen wird es an der Zeit sein, an unserer Zeit, die freigewordenen Möglichkeiten einer Bihelgläubigkeit abzuwägen. Das, was das antike, in sich geschlossene Judentum als Glauben forderte — und die jüdische Antike reicht in den verschiedenen Ländern jeweils bis zur Zeit des unmittelbaren Anteils der Juden an der außerjüdischen Welt —, ist Wortgläubigkeit, d. h. der Glaube, daß das überlieferte biblische Wort authentisch göttlich ist. Die gesamte Welt der jüdischen Tradition, die, wenn sie verlorenginge, nicht aus dem biblischen Wort ableitbar wäre und dennoch auf das biblische Wort zurückführbar ist, hat ausschließlich in der strengen Wortgläubigkeit ihren Lebensgrund. Zwischen Orthodox und Liberal gibt es nur einen quantitativen, wenn auch heftig sich gebärdenden Unterschied. Die einen lassen von der Wortgläubigkeit einen Abglanz bis auf die Bücher der letzten Dezisoren fallen, ja sie finden in der Bibel sogar die Andeutung an mündlich bewahrte göttliche Worte. Die anderen sind bibelwortgläubig, aber jeder Erweiterung und Kommentierung gegenüber kritisch. Das ergibt freilich eine Auflockerung des jüdischen Lebens und sieht manchmal sehr revolutionär aus. Wenn aber das Bibelwort von Vernunfterkenntnissen angegriffen wird, dann gibt es für Orthodox und Liberal nur eine Möglichkeit: Treue zum Wort, selbst um den Preis seiner Umdeutung. Alles andere wäre ungläubige Ausflucht. Das „Es steht geschrieben" muß für beide letzte Begründung sein. Freilich nicht letzte Erklärung für das Bestehen der Wortgläubigkeit selbst! Denn es läßt sich vernünftig rechtfertigen, daß Menschen an irgend etwas glauben müssen. Aus der seelischen Spannung zwischen der hilflosen Endlichkeit des Menschen und dem schweigenden Anruf des Unendlichen, das den Menschen räumlich und zeitlich umschließt, gibt es nur Erlösung dadurch, daß wir glauben. Es läßt sich aber nicht vernünftig rechtfertigen, daß nach Menschenweise gefaßte Worte die Überbringer einer Botschaft aus der Unendlichkeit sind. Maimoni des meinte zwar, ein ganzes Volk, das am Sinai stand und die Worte hörte, habe doch nicht das Opfer einer Sinnestäuschung sein können, und gründete so die Bibelwortgläubigkeit auf den Glauben an die Sinne. Aber es ist dies in Wahrheit nur ein Glauben, weil andere glauben. Übrigens ist damit bei Maimonides eine Art Kerngläubigkeit angedeutet, die sich auf einen besonderen Abschnitt der biblischen # Der Jude, Sonderheft 113