Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die neue Gläubigkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110816--8350-3110979- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Friedrich Thieberger heitliche Perspektive stellt — dadurch allein sichtbar wurden, daß Buber neue Bewußtseinsgelände erschlossen hat. Vielleicht ist es, wegen des Dynamischen seiner Wirkung, am richtigsten zu sagen, daß er Schleusen in uns geöffnet hat. Denn wir erkannten seitdem das Judentum in uns als einen Prozeß, der für das ständige Erfahren von Menschsein und Welt geistige und reale Lebensformen gestaltet. Die Tiefe der entstellten Wirklichkeit gegenüber der erhabenen Reinheit der Idee gaben dem hinströmenden Wort Bubers das dramatische Gefälle, und die Erkenntnis, daß was der Mensch leistet oder erleidet, nicht eine bloße Angelegenheit seines Bewußtseins, sondern eine Mitgestaltung an der Welt, an der Realität zwischen Gott und Mensch ist, gab seinem aufrüttelnden Spruch die Schwere einer heiligen Verpflichtung. Einen Urbestand aber setzt jede geistige Strömung, die das Judentum erfaßt, voraus: den Glauben. Dieser aber war gerade in weiten Schichten des westlichen Judentums verschüttet gewesen. So wie er gelehrt worden war, konnte er der Wissenschaft nicht standhalten. Zur Morallehre entkräftet, hatte er höchstens pädagogischen Zwecken entsprochen und selbst den gläubig Veranlagten schien der Gott der Bibel kleinlich gegenüber einer reineren Vorstellung von einem wahren Gott. Da aber der Inhalt des jemals gekannten und ererbten Judentums immer ein Glaubensinhalt gewesen ist, so mußte auch die neue Freude am jüdischen Menschheitswert eine Freude am Glauben sein. Die Bubersche Erschließung des Judentums gab dem Glauben in der Tat eine neue Wendung. Schwere Hemmungen, wie intellektuelle Kurzsichtigkeit, die man gern dem vorwarf, der an die Berichte der Bibel glaubte, oder wie die Vermenschlichung Gottes oder wie die überkommene Vorstellung, daß das jüdische Lebensgesetz eine Prozeßordnung für jenseitige Bestrafung und Belohnung ist, all dies war nun vollständig deplaciert: der Glaube war höher und weiter als sein Gestalt gewordener Niederschlag. Aber die jüdischen Erbgüter waren der Weg, den der Glaube genommen hatte. Ohne Scheu vor unfreiem Denken durfte man ihnen voll zujauchzen; sie gehörten zum Judentum in uns; man durfte wieder glauben. Und wenn es auch nur in einer gefühlsmäßigen Ahnung, im Mitgenuß einer heimlichen, kostbaren Glaubenstreue war! Allein jeder jüdische Glaube bedarf dauernd der Beziehung zu den religiösen Grunddokumenten. Der Glaube überragt sie, er läutert sie durch sich, aber er selbst erläutert sich an ihnen. Immer wieder beruft man sich auf sie, aber jeder Appell setzt Gläubigkeit voraus. Man kann diese Gläubigkeit für lange Zeit in eine unbestimmte Gefühlsferne, in ein dämmriges Ungefähr rücken. Irgend- 112