Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Das Gespräch
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 108 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110814--8342-3110975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ludwig Strauß Hier wiederum gilt kein Daher, sondern ein Auch. Gespräch ist in der Folge der Geschehnisse, Gespräch ist in der Folge der Sätze, Phasen des großen Dialogs sind diese wie jene. Herder giht eine Fülle von Beispielen für den biblischen Parallelismus, ohne sie nach den Gattungen zu scheiden. Das Beispiel, das für ihn den „ersten und erhabensten Parallelismus66 enthält, gehört ganz und gar der dialogischen Gattung an. Deuten wir es, Schleiermachers Einsicht folgend, als Gespräch, so tilgen wir zugleich Schleiermachers Irrtum: ehe noch Menschentat da ist, sie zu vergelten, ehe noch Menschenmund da ist, ihm zu erwidern, beginnt Gottes Wort das nicht mehr endende Gespräch. Da sprach Gott: Licht werde! Und Licht ward. Mit seinem stummen Werden schon antwortet das Erschaffene dem Worte des Schöpfers. Von dem, was Schleiermacher weiterhin sagt, und wie er Prophetie und Messianismus in Kürze erklärt und zerklärt, soll hier nicht mehr gesprochen werden. Auch darin das Wahre aufsuchen hieße in neuen Zusammenhang treten. Aber die Situation, die am Anfang unserer Darlegungen geschildert wurde, sei doch noch an einem merkwürdigen Widerspruch verdeutlicht: hier nennt Schleiermacher den Messianismus die letzte am welken Stiel vertrocknete Frucht der Prophetie. Im gleichen Jahr 1799 noch verteidigt er1) mit gutem Recht das echte Christentum gegen den, damals ernstlich diskutierten, Massenübertritt von Juden in ein IVamenchristentum. Er verlangt vom Staate volle Gleichberechtigung der Juden, damit politische Motive zum Religionswechsel überhaupt beseitigt seien. Dafür verlangt er aber auch von den Juden, daß sie zuvor ihren Glauben revidieren, vor allem daß sie förmlich und öffentlich der Hoffnung auf einen Messias entsagen sollen. Was der Redner über die Religion erstorben nennt, das hat für den Politiker der Religion noch gefährliches Leben. Das hilft uns verstehen, wenn der Redner nun endet, wie er enden muß: „Der eingeschränkte Gesichtspunkt gewährte dieser Religion, als Religion, eine kurze Dauer. Sie starb, als ihre heiligen Bücher geschlossen wurden, da wurde das Gespräch des Jehova mit seinem Volk als beendet angesehen; die politische Verbindung, welche an sie geknüpft war, schleppte noch länger ein sieches Dasein, und ihr Äußeres hat sich noch weit später erhalten, die unangenehme Erscheinung einer mechanischen Bewegung, nachdem Leben und Geist längst gewichen ist." x) Briefe bei Gelegenheit der theologisch-politischen Aufgabe und des Sendschreibens jüdischer Hausväter. 108