Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Das Gespräch
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 105 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Gespräch unmittelbaren Vergeltung" wird dann gegenübergestellt die christliche „des allgemeinen Entgegenstrebens alles Endlichen gegen die Einheit des Ganzen, und der Art, wie die Gottheit dieses Entgegenstreben behandelt, wie sie die Feindschaft gegen sich vermittelt und der größer werdenden Entfernung Grenzen setzt durch einzelne Punkte über das Ganze ausgestreut, welche zugleich Endliches und Unendliches, Menschliches und Göttliches sind." Die Vergeltung im Zentrum des Judentums, die Erlösung im Zentrum des Christentums zu sehen, — das war gewiß nichts Neues und Besonderes, vielmehr schon eine Gewohnheit christlicher Theologie. Die philosophische Formulierung der dem Judentum zentralen Anschauung von der Vergeltung als der von einer Wechselwirkung des Unendlichen und Endlichen wäre für sich allein ein fragwürdiger Gewinn; aber sie bedeutet für den Idealisten Schleiermacher die notwendige Vorbereitung des wirklich Neuen und Besonderen an seiner kurzen Judentumslehre. Dies nämlich ist die Erkenntnis von einem Zusammenhang des Vergeltungsglaubens mit den scheinbar nur formalen Momenten des Parallelismus und des Dialogischen. An der Art freilich, wie dieser Zusammenhang bestimmt wird, zeigt sich die ganze Gefährlichkeit von Schleiermachers philosophischer Methode. Das Zustandekommen eines „Individuums der Religion" glaubte er als das Zentralwerden einer Idee aus der unendlichen Fülle der religiösen Ideen definieren und so von dieser einen Idee aus das Individuum, die positive Religion, begreifen zu können. Was aber eine Vielfalt religiöser Elemente zur einen Religion zusammenschließt, ist nicht eine Idee, auch nicht (wie Schleiermacher sonst hinzufügt, aber in den Seiten über das Judentum nicht erwägt) das eine bestimmende „Faktum", mit dem sie in die Mitte gerückt wird. Es ist nicht anders faßbar als in der gesamten Lehre und Geschichte der Religionsgemeinschaft, die es lebt. An Einzelzügen bezeichnender Art kann sein Wirken, an Vergleichen mit anderen Individuen der Religion der besondere Bezirk, das besondere Amt seines Wirkens deutlich gemacht, am Faktum der Stiftung kann sein Eintritt in die Geschichte und der geschichtliche Zusammenhang, in den es sich einläßt, beobachtet werden. Es selber entzieht sich der Festlegung, es ist in keinem einzelnen, anschaubaren oder definierbaren Element, noch auch selbst in der Beziehung der Elemente aufeinander, sofern sie definierbar ist, eingeschlossen. Ja, es ist Eines, aber nicht diese Idee, noch dieser Zug, noch dieses Prinzip der Organisation, und wer ein nennbares Eines zu jenem unnennbaren er-nennt, der verspielt die Wahrnehmung der wirklichen Einheit des „Individuums". Damit ist natür- 105