Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Das Gespräch
Date
1928-01-01
Page
104 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110814--8338-3110971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ludwig Strauß dieser bezeichnenden Entschuldigung wird dann alles Politische, Moralische, Historische außerhalb des Themas gestellt, einzig die Frage nach dem „eigentlich Religiösen" im Judentum erhoben und ohne Zögern beantwortet: „welches ist die überall hindurchschimmernde Idee des Universums? Keine andere, als die von einer allgemeinen unmittelbaren Vergeltung, von einer eigenen Reaktion des Unendlichen gegen jedes einzelne Endliche, das aus der Willkür hervorgeht, durch ein anderes Endliches, das nicht als aus der Willkür hervorgehend angesehen wird. So wird alles betrachtet, Entstehen und Vergehen, Glück und Unglück; selbst nur innerhalb der menschlichen Seele wechselt immer eine Äußerung der Freiheit und Willkür und eine unmittelbare Einwirkung der Gottheit; alle anderen Eigenschaften Gottes, welche auch angeschaut werden, äußern sich nach dieser Regel und werden immer in der Beziehung auf diese gesehen; belohnend, strafend, züchtigend das Einzelne im Einzelnen, so wird die Gottheit durchaus vorgestellt. Als die Jünger einmal Christum fragten: Wer hat gesündigt, diese oder ihre Väter? und er ihnen antwortete: Meint ihr, daß diese mehr gesündigt haben als andere? — das war der religiöse Geist des Judentums in seiner schneidendsten Gestalt, und das war seine Polemik dagegen. Daher der sich überall durchschlingende Parallelismus, der keine zufällige Form ist, und das Ansehen des Dialogischen, welches in allem, was religiös ist, angetroffen wird. Die ganze Geschichte, so wie sie ein fortdauernder Wechsel zwischen diesem Reiz und dieser Gegenwirkung ist, wird sie vorgestellt als ein Gespräch zwischen Gott und den Menschen in Wort und Tat, und alles, was vereinigt ist, ist es nur durch die Gleichheit in dieser Behandlung. Daher die Heiligkeit der Tradition, in welcher der Zusammenhang dieses großen Gesprächs enthalten war, und die Unmöglichkeit, zur Religion zu gelangen, als nur durch die Einweihung in diesen Zusammenhang, und noch in späten Zeiten der Streit unter den Sekten, ob sie im Besitz des fortgehenden Gesprächs wären." Der jüdischen Anschauung „einer allgemeinen, lassen. Kann ich wünschen, daß mein Vater seine züchtigende Hand von mir abwende, bevor sie gewirkt hat, was sie hat wirken sollen? . . . Ach sicherlich, auch dies ist eine Eigenschaft der unendlichen Liebe Gottes, daß er kein Vergehen des Menschen ohne alle Ahndung hingehen läßt.--Sicherlich. Allmacht ist nur Gottes: Und dein ist auch die Liebe, Herr! Wenn jedem du nach seinem Tun vergöltest. (Ps. 62, 12—13)." Diese Äußerung des Vertreters einer überwundenen Philosophie und einer totgeglaubten Religion mochte wohl auch in ihrer Einfachheit die Mischung von Uberlegenheitsgefühl und Neigung begünstigen, die Schleiermachers Worte durchklingt. 104

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.