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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 99

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Begriff und Wirklichkeit
Date
1928-01-01
Page
99 (sequence 11)
Language
German
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Begriff und Wirklichkeit wie Fichte sich aus dieser Entwirklichung des Wissens befreit: Nachdem der Inhalt des Gedankens sich als unfähig erwiesen hat, zur Wirklichkeit vorzudringen, erkennt Fichte, daß durch Umformung des GedankenZe&eres der Weg zur Realität führt. An Stelle des Beweises tritt die „Weltachsendrehung", wie Buher sagt. Die Philosophie Fichtes besteht — von der Methode her gesehen — darin, den Hörer immer wieder den Akt der Realisierung in sich erzeugen zu lassen und dann an diesem Akt die wissenschaftliche Analyse zu vollziehen. Die einzelnen Sätze entwickeln sich nicht logisch auseinander, sondern immer wieder tritt zwischen Satz und Satz ein neues Eintauchen in den Strom des Lebens1). Immer wieder fordert Fichte seine Hörer auf, an Stelle der „toten Formel" das „lebendige Bild" zu erzeugen und versichert (Wissenschaftslehre 1804): „Wer es nicht hätte, dem könnte ich durchaus nicht beikommen, und für ihn verwandelte sich meine ganze Rede in eine Rede über das reine Nichts." Der Gegensatz von toter Formel und lebendigem Bild entspricht dem Gegensatz des Grundwortes Ich-Es und des Grundwortes Ich- Du bei Buber. Wir haben immer wieder den Sprung von einer Perspektive zur anderen zu tun, die Achsendrehung oder wie Fichte sagt, die projectio per hiatum irrationalem zu verwirklichen, durch welche bei Buber aus dem Du das Es, bei Fichte aus dem „Sein" das „Dasein" entsteht. Die Welt ist nicht einmal in einem Schöpfungsakt entstanden, so daß Gott einmal aus dem Sein in die Erscheinung getreten wäre, sondern immer wieder tritt dieser Vorgang ein, der aus dem Sein das Dasein macht2). Man kann diesen Perspektivenwechsel, diese Achsendrehung von zwei Seiten betrachten: Man kann in ihr einen Niedergang sehen vom Du in das Es (so sieht Buber), man kann aber auch umgekehrt vom Es herblickend sagen, daß durch dieses Einströmen des Seins in die Erscheinung die Erscheinung genährt und erhalten wird und so vom Sein her ihren Bestand geliehen erhält. Wie wenn etwa ein Strom in die Röhren einer Wasserleitung gelenkt wird und die Drehung des Hahns den Strahl fließen läßt — vom Standpunkt des Stroms aus ist dies eine Degradierung, vom Strahl im Rohr her ist der Strom die immer fließende, nie versiegende Kraftquelle —, so ist das Sein immer wieder bereit, *) Vgl. hierzu den Vergleich zwischen Descartes und Fichte bei Rudolf Steiner: »Denken, Schauen und Sinnen". 2) Nach Niederschrift dieser Zeilen las ich das Geleitwort zu Buhers ehen erschienenen „Chassidischen Büchern". Dort spricht Buber (S. XXV) davon, daß wie die Schöpfung nicht einmalig, so auch die Erlösung nicht einmalig, sondern allmalig in der ganzen Zeit erfolgt. Jede Zeit ißt schöpfungs- und erlösungsunmitteibar. 7* 99

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