Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Begriff und Wirklichkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 97 (sequence 9)
- Language
- German
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Begriff und Wirklichkeit Ich-Du erfolgen. Nicht die wissenschaftliche Zergliederung, sondern eine neue Art von kopernikanischer Drehung (nach jener Drehung, welche Kant ausgeführt hat) führt uns aus dem Bereich des „Bildes" (Fichte), der „Orientierung", des Es in das Gehiet der Wirklichkeit: indem wir das Ich-Du erleben. Um zur Wirklichkeit vorzudringen, bedarf es einer metabasis eis allo genos aus dem Begriff zum Erleben. Man kann die Wirklichkeit nicht beweisen, man muß sie erleben. Die Ohnmacht der Wissenschaft, zu dieser Wirklichkeit vorzudringen, hat kein Philosoph stärker gespürt als J. G. Fichte. Fichte hat in der ersten Periode seines Schaffens, unter dem Banne der kantischen Philosophie, seinen Ausgangspunkt vom Ich genommen und die Welt als eine notwendige Bedingung der Selbstsetzung des Ich abzuleiten unternommen. Alles Nicht-Ich erschien ihm als Akzidenz des Ich aus diesem ableitbar, auch das Du. Auch er führt, wie Buber, die Unterscheidung zwischen Du und Es ein, aber im Gegensatz zu Buber glaubt er in dieser Epoche, daß das Du uns durch das Es vermittelt werde. „Auf etwas, das in diesem ersten Setzen als ein Es, als bloßes Objekt, als etwas außer uns gesetzt worden, wird der in uns selbst gefundene Begriff der Ichbeit übertragen und damit synthetisch vereinigt; und durch diese bedingte Synthesis erst entsteht uns ein Du. Der Begriff des Du entsteht durch Vereinigung des Es und des Ich" (zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre WW III, 86). Allein die folgenden Jahre bringen die bekannte Entwicklung der Anschauungen Fichtes. Er erkennt, daß das Du-Bewußtsein Bedingung des Ich- Bewußtseins ist. „Kein freies Wesen daher kommt zum Bewußtsein seiner selbst, ohne zugleich zum Bewußtsein anderer Wesen seinesgleichen zu kommen. Keiner daher kann sich ansehen als das ganze Wissende, sondern nur als einen einzelnen Standpunkt im Reiche des Wissens. Die Intelligenz ist in sich selbst und in ihrer innersten Wurzel, als existent, nicht Eine, sondern ein Mannigfaltiges, aber zugleich ein Geschlossenes, ein System von Vernunftwesen." (Wissenschaftslehre 1801, WW IV, 143.) (Man vergleiche zu dieser Ableitung des Ich durch das Du Bubers Wort: „Ich-werdend spreche ich Du.") Indem hier von vornherein erkannt wird, daß die Individuen lebe, Glieder eines Systems von Vernunftwesen sind, ist so auch erklärt, daß die Objektwelt eine gemeinsame ist. Denn von vornherein liegt hier (auch Buber gegenüber) ein Problem vor: Wenn die Es-Welt als solche nicht in sich selbständig besteht, sondern durch eine perspektivische Wendung dem Ich erzeugt wird, so hat jedes Individuum eine andere Welt. Ist aber erkannt, daß die Iche 7 Der Jude, Sonderheft 97