Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Begriff und Wirklichkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 96 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hugo Bergmann Färbung haben als philosophische Begriffe, aber dies kann nicht entscheidend sein. Philosophie kann von Religion nicht auf die Weise getrennt werden, daß dieselben Fragen von der Philosophie und von der Religion verschieden beantwortet werden könnten und jede Antwort in ihrem Bezirke berechtigt wäre. Von solchem Relativismus ist Buber sicher weit entfernt. Vielmehr kann das Gebiet der Religion von dem der Philosophie nur so geschieden werden, daß das religiöse Erlebnis noch Antworten auf Fragen gibt, für welche der philosophische Begriff nicht mehr ausreicht. Bis zu dieser Grenze aber müssen Philosophie und Religion zusammengehen und religiöse Begriffe von der philosophischen Problemstellung aus geprüft werden können. Die philosophische Problemlage unserer Zeit stellt sich folgendermaßen dar: Der auf Kant zurückgehende transzendentale Idealismus ist zu einem gewissen Ende und Abschluß gelangt. Es gilt heute über ihn hinauszukommen, nicht etwa im Sinne einer Rückkehr zu vorkantischem Denken, vielmehr sind jenseits des Transzendentalismus und unter voller Wahrung seiner richtigen Gedanken die Fragen zu beantworten, die er zu beantworten nicht imstande war. Dies aber ist vor allem die Frage der Wirklichkeit. Die kantische Philosophie leitet bekanntlich die Axiome der Wissenschaft als „Voraussetzungen der Erfahrung" ab, ohne die Erfahrung nicht möglich ist. Kann aber aus der Tatsache, daß diese Sätze für die Erfahrung unumgänglich sind, gefolgert werden, daß sie wahr sind? Hier beginnt doch erst das eigentliche Problem. Hier steht die Humesche Frage in ihrer ganzen Bitterkeit auf und der Kantianismus kann sie nicht beantworten. Gelangte doch Kant selbst in der Kritik der Urteilskraft nur bis zu einer regulativen Urteilskraft als letzte Antwort auf die Frage, warum die Natur die „Gunst" hat, sich erfahrbar zu erweisen; also blieb auch er zuletzt bei einem Als-Ob stehen. Man weiß, wie sehr die Philosophie der Neukantianer darum rang, die Wirklichkeit zu bewältigen — war doch die Verbürgung der Wirklichkeit der Welt Voraussetzung der Ethik —; und dennoch konnte sie diese Aufgabe nicht lösen und die Wirklichkeit verflüchtigte sich ihr in das unendlich ferne, niemals zu erreichende Ideal der vollendeten Erkenntnis. Nun ist aber gerade dies der ursprüngliche Antrieb in der Philosophie Bubers: zur Wirklichkeit vorzudringen. Er weiß aber, daß die Wissenschaft Wirklichkeit nicht geben kann. Noch so weitgehende Erforschung der Es-Welt (Naturwissenschaft) kann uns einer Wirklichkeit nicht versichern. Sie muß aus anderen Quellen begründet werden. Es muß die Weltachsendrehung vom Ich-Es zum 96