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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 95

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Begriff und Wirklichkeit
Date
1928-01-01
Page
95 (sequence 7)
Language
German
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Begriff und Wirklichkeit ken, weil eben die Welt der Dinge nicht aus sich heraus begriffen werden kann, wie es die Naturwissenschaft erstrebt und erstreben muß. Dies ist der Widerspruch der naturwissenschaftlichen Weltauffassung: daß sie das Ich ausschalten muß und doch nicht ausschalten kann und darf, weil eben die Welt der Dinge („Es") nur in Verkoppelung mit dem Ich denkbar ist. Wie aber ist es mit dem anderen „Grundwort*6 Ich-Du? Was ist das konsequent bis zu Ende gedachte Du, die reine Wirklichkeit, der nichts von Orientierung und Scheinwirklichkeit beigemischt ist? Es ist Gott. Buber erkennt klar den Irrtum aller derer, welche bei unerlaubter Vermischung der Begriffe Gott aus der Natur abzuleiten unternommen haben. So wenig es den Soziologen oder den Psychoanalytikern gelingen wird, das Ich aus den Dingen abzuleiten, so wenig wird es den Theologen gelingen, Gott aus der Natur abzuleiten — aus der Es-Welt. Gott ist der wahre Pol der Ich-Du-Beziehung, das „Du, das seinem Wesen nach nicht Es werden kann". Das ewige Du ist der Weltachsendrehung, die unser Los ist, dem Abstieg in die Es-Welt, nicht unterworfen. Er ist immer gegenwärtig, kann immer gefunden werden. Aber unsere Beziehungskraft reicht nicht aus. Immer wieder verlieren wir seine Gegenwart, weil wir dem Du nicht standhalten können. Hier ist der Ursprung der Religion als Glauben. Der Mensch will sich nicht mit den Augenblicken begnügen, in denen ihm Gott gegenwärtig ist, der Rhythmus im Wechsel von Ich-Du und Ich-Es genügt dem Menschen nicht, welcher Kontinuität haben will. „So wird Gott zum Glaubensobjekt. Ursprünglich ergänzt der Glaube in der Zeit die Beziehungsakte; allmählich ersetzt er sie. An die Stelle der stets erneuten Wesensbewegung der Einsammlung und des Ausgehens tritt das Ruhen in einem geglaubten Es."1) Auch Gott also, der von sich aus nicht zum Es werden kann, wird vom Menschen zum Es gemacht. 2. Die folgenden Zeilen wollen nun versuchen, die Philosophie Bubers in die philosophische Problemlage unserer Zeit einzustellen. Ein solcher Versuch setzt sich natürlich dem Bedenken aus, daß die Weltanschauung Bubers eigentlich gar nicht als Philosophie gemeint war, sondern einer religiösen Fragestellung entspringt und daß eine philosophische Deutung zu Gewaltsamkeiten führen muß. Ein solcher Einwand scheint mir nicht berechtigt. Selbstverständlich werden Begriffe, welche in der religiösen Schau konzipiert wurden, einen anderen Gefühlswert und eine andere *) Ich und Du, S. 131. 95

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