Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Begriff und Wirklichkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 94 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110813--8326-3110961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hugo Bergmann gründet sein, scheitern an der einen Grundwahrheit: daß ehen das Ich kein Gegenstand unter Gegenständen ist, weil es der Schöpfer der Gegenstandswelt ist und weil es immer wieder aus dieser Welt sich erheben kann in die Welt der Wirklichkeit, der Beziehung. „Das uneingeschränkte Walten der Ursächlichkeit in der Es-Welt, für das wissenschaftliche Ordnen der Natur von grundlegender Wichtigkeit, bedrückt den Menschen nicht, der auf die Es-Welt nicht eingeschränkt ist, sondern ihr immer wieder in die Welt der Beziehung entschreiten kann. Hier stehen Ich und Du einander frei gegenüber, in einer Wechselwirkung, die in keine Ursächlichkeit einbezogen und von keiner tingiert ist; hier verbürgt sich dem Menschen die Freiheit" („Ich und Du", Seite 62). Die Auffassung des Ich als Gegenstand unter Gegenständen führt in der Wissenschaft selbst zur Verwirrung und zu Scheinproblemen. Wenn etwa eine Entwicklungstheorie, die sich selbst nicht versteht, die geologische Periode berechnet, in welcher aus der Materie heraus der Geist geboren wurde und in die Welt eintrat, so muß man antworten: niemals könnt ihr orientierend die Realisierung ableiten, denn sie kommt innerhalb der Orientierung nicht vor; niemals könnt ihr den Geist, welcher der Schöpfer der Welt ist, aus der Welt heraus als deren Produkt ableiten. Wohl kann die Einzelwissenschaft ableiten, wann etwa der Mensch auf der Erdenbühne auftrat, aber damit ist nicht der Geist abgeleitet, dessen Sein die Voraussetzung aller Geschichte ist, schon deswegen, weil die Zeit, der Grundbegriff aller Entwicklung und aller Geschichte, eine Kategorie des Geistes ist. Nicht das Sein des Geistes, sondern sein Erscheinen in dieser oder jener Form, sozusagen sein Sichspiegeln innerhalb der von ihm geschaffenen Welt läßt sich wissenschaftlich ableiten. „Der Geist erscheint in der Zeit als Erzeugnis, ja als Nebenprodukt der Natur, und doch ist eben er es, der sie zeitlos umhüllt."1) Das Ich kann also nicht in die Welt der Gegenstände eingestellt werden, weil es sie trägt, weil die Welt der Dinge nur der zweite Pol des „Grundwortes" Ich-Es ist. Die Welt des Es kann also nicht zu Ende gedacht werden, ohne daß wir uns in Widersprüche verwickeln, denn sie besteht nicht für sich. (Vgl. über diese Widersprüche „Ich und Du", Seite 112.) Darum läßt sich — müßte man in diesem Sinne weiterfolgern — die Weltanschauung der Naturwissenschaft nicht widerspruchslos bis zu Ende den- J) Ich und Du, S. 31. Vgl. über das Problem des Auftretens des Geistes in der Entwicklungskette des Organischen mein Buch „Das philosophische System Kants", S. 173 (hebräisch). Ebenso Litt, „Ethik der Neuzeit", 1926, S. 99, ferner die Auffassung des Leibes als Spiegelumisapparat bei Rudolf Steiner in seinem Vortrag auf dem Philosophenkongreß, Bologna, 1911. 94