Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Begriff und Wirklichkeit
Date
1928-01-01
Page
93 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110813--8325-3110960
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Begriff und Wirklichkeit Schwangerschaft, wie Erkenntnis und Verbreitung, wie Erfindung und Verwertung. Wie im Leben der Gemeinschaft die erlangte Wirklichkeit doch immer wieder in den Zusammenhang der Erfahrung eingestellt werden muß, so folgen auch in dem Einzelnen auf Stunden der Verwirklichung Stunden der Einstellung und müssen folgen; ist doch die einsame Wirklichkeit, wie die höchste der Wonnen, so auch die schwerste der Lasten." Das Zitat entstammt Bubers früherem Buche, dem Daniel, wo er diese beiden Perspektiven als die der Realisierung und Orientierung unterschied. Dort hat er auch darauf hingewiesen, daß das Kind und der primitive Mensch eine Kraft der Realisierung haben, welche wir nicht mehr besitzen. Man beachte ein Kind, das allein spielt und sich dennoch mit ganzer Kraft einem Du gegenüber fühlt, mit dem es Zwiesprache hält. Diese Kraft, in der Ich-Du-Beziehung zu stehen, bringt der erwachsene Mensch nicht mehr auf. Nur der schöpferische Mensch erlangt sie wieder. Diese Kraft der Beziehung ist aber Kraft der Wirklichkeit. Denn wie bereits gesagt wurde, ist die Beziehung die Substanz der Welt. Wer in ihr steht — der Liebende, der Denkende, der wahrhaft mit ganzem Bewußtsein Sprechende —, hat die Wirklichkeit. Derjenige dagegen, welcher das Du aufgegeben hat zugunsten der Welt der Gegenstände, trat aus der Welt der Wirklichkeit in die Unwirklichkeit ein. Freilich gerade diese Welt der Unwirklichkeit, die wir mit unseren orientierenden Begriffen geschaffen haben, fügt sich diesen Begriffen. Alles was man über die Herrschaft der Gesetze in der Welt sagt, bezieht sich nur auf diese Es-Welt, und es ist nicht zu verwundern, daß sie sich den Gesetzen fügt, da sie doch selbst aus Begriffen zum Zwecke der Orientierung aufgebaut wurde. Und insbesondere gilt dies vom Gesetz der Gesetze, vom Kausalgesetz. In dieser künstlichen Welt der Gegenstände fügt sich Ding an Ding wie Glied an Glied in einer Kette. „In der Es-Welt waltet uneingeschränkt die Ursächlichkeit. Jeder sinnlich wahrnehmbare ,physische', aber auch jeder ,psychische6 Vorgang gilt mit Notwendigkeit als verursacht und verursachend." Aber diese Kausalität, unser eigenes Werk, von uns hineingedeutet in die Welt, die wir aus den Eindrücken der Sinne erschaffen haben, wird uns zum Schreckbild: Wir machen das Ich selbst, das diese Welt der Gegenstände geschaffen hat, zu einem Gegenstand unter Gegenständen und glauben, daß nun auch das Ich selbst dem Kausalgesetz unterworfen, unfrei ist. Wir vermessen uns, das Ich aus den Gegenständen abzuleiten, es zu begreifen als Produkt des Körpers, der Triebe, der Gesellschaft. Alle diese Lehren, mögen sie nun soziologisch oder psychoanalytisch oder irgendwie sonst be- 93

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.