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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 92

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Begriff und Wirklichkeit
Date
1928-01-01
Page
92 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Hugo Bergmann selnden Sonnenschein. So befreit uns, wenn wir einen Menschen mit Namen nennen, diese Namengebung davon, den wechselnden Ausdruck in seinem Gesicht zu beachten, Freude und Schmerz, die sich in seinem Gesicht spiegeln, Körperveränderungen usw.: es ist immer der Mensch N. N. So also haben wir diese Welt von Dingen und Personen geschaffen, um uns in der Fülle der Eindrücke zu orientieren. Es war eine Erleichterung, aber es war auch ein ungemeiner Verlust. Denn indem uns die Welt der Eindrücke zu Sachen erstarrte, verlor sie ihre Unmittelbarkeit und verstummte uns. Wir beachten das Gesicht unseres Mitmenschen nicht mehr, seit wir ihn zu benennen gelernt haben, er ist für uns jetzt immer derselbe, während er in Wahrheit immer ein anderer ist. Buber nimmt diese Lehre der Kantianer auf („Ich und Du", Seite 34 ff.) aber er gibt ihr eine neue Deutung. Die Philosophen unserer Zeit sehen nur die nützliche ökonomische Seite der Gliederung der Welt in Objekte. Buber sieht in dieser „Orientierung64 das Verhängnis des Menschen. Denn indem wir den Mitmenschen und die Mitwelt gebrauchen lernen und uns in ihr orientieren, treten wir aus der Ich-Du-Beziehung heraus. Das Du verwandelt sich in einen Gegenstand, in ein Es. „Das aber ist die erhabene Schwermut unseres Loses, daß jedes Du in unserer Welt zum Es werden muß. So ausschließlich gegenwärtig das Du in der unmittelbaren Beziehung war: sowie sie sich ausgewirkt hat, wird das Du zum Gegenstand unter Gegenständen. Echte Anschauung ist kurz bemessen; das Naturwesen, das sich mir eben erst im Geheimnis der Wechselwirkung erschloß, ist nun wieder beschreibbar, zerlegbar, einreihbar geworden, der Schnittpunkt vielfältiger Gesetzeskreise. Und die Liebe selber kann nicht in der unmittelbaren Beziehung verharren; sie dauert, aber im Wechsel der Aktualität und Latenz. Der Mensch, der eben noch einzig war*, ist nun wieder ein Er oder eine Sie, eine Summe von Eigenschaften." An einer anderen Stelle seines Buches (Seite 113) spricht Buber von der „Weltachsendrehung", welche uns aus der Beziehung Ich- Du in die Welt der Gegenstände versetzt. Diese Drehung machen wir in jedem Augenblick mit. Wir können der strengen Anforderung des Du nicht standhalten, wir müssen immer wieder hinabsteigen in die Welt der Dinge, aber der eine ist mit größerer, der andere mit geringerer „Beziehungskraft" begabt. Wir alle leben in beiden Perspektiven, wir „realisieren" und wir „orientieren uns", keinem von uns ist es vergönnt, nur in der Ich-Du-Beziehung zu leben. „Ein nur Realisierender müßte in den Gott vergehen, ein nur Orientierender in das Nichts verkommen; sondern Realisierung und Orientierung wohnen nah beisammen, wie Zeugung und 92

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