Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Begriff und Wirklichkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 91 (sequence 3)
- Language
- German
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Begriff und Wirklichkeit verbunden, welche das Wesen der Welt ausmacht, erschlafft seine Kraft. Er kann dem Du nicht mehr standhalten und das Du verwandelt sich ihm in einen Gegenstand, in ein Es, in ein Objekt. Es war von jeher das schwierigste Problem der Metaphysik, einen Übergang von Gott zur Welt, von der Einheit zur Vielheit zu finden. Spinoza scheiterte daran, er mußte die Welt als gegeben hinnehmen und konnte sie nicht aus Gott ableiten, so sehr er sich darum bemühte und so wenig er den unableitbaren Dualismus von Gott und Welt in seinem System zugeben konnte. Fichte setzte mit vollem Bewußtsein die Welt als aus dem Göttlichen unableitbar hin, indem er in der Wissenschaftslehre von 1794 den zweiten Grundsatz, welcher die Existenz des teilbaren Ich und damit der Welt aussprach, als vom ersten Grundsatz unabhängig hinstellte. Hegel bediente sich der Formel, die Idee in ihrer absoluten Freiheit entschließt sich, aus sich selbst herauszugehen und sich zur Natur zu machen, aber das heißt wiederum, die Natur nicht ableiten, sondern setzen. Buber versucht nicht abzuleiten, aber er versucht uns dahin zu fähren, daß wir verstehen, wie diese Verwandlung in die Vielheit nicht ein Prozeß ist, der einmal stattfand, sondern ein Prozeß, der sich stündlich in uns selbst vollzieht, wenn wir aus der Gerichtetheit in die Richtungslosigkeit, aus der Sammlung in die Zerstreuung sinken. Man begreift, wie im Judentum die Zerstreuung, „Galuth", ein metaphysischer Begriff wurde. Denn es ist die Zerstreuung, die Selbstentfremdung, welche uns den Schein für Wirklichkeit nehmen und so die Welt des Es als eine vom Geiste unabhängige Welt der Dinge entstehen läßt. So erleben wir in uns selbst dasjenige, was Fichte den Übergang vom ersten zum zweiten Grundsatz genannt hätte. Die alte, naive vorkantische Vorstellung der Welt glaubte, daß eine Welt der Dinge für sich bestehe, unabhängig vom Ich. Kant hat dieses Vorurteil zerstört. Die Arbeit der Marburger Neukantianer, Hermann Cohens und seiner Schüler, hat eindringlich gezeigt, wie sehr das Bild der Welt — sei es nun das Bild des gewöhnlichen Menschen oder das Weltbild der Naturwissenschaft, die jenes erste nur fortführt — geschaffen ist vom Menschen. Der Mensch würde die Fülle der wechselnden Eindrücke, die auf ihn einstürmen, gar nicht ertragen, wenn er sie nicht ordnen würde zu Gegenständen: wenn er etwa eine Summe von Eindrücken zu dem Bild und Wort „Haus" zusammengefügt hat, ist er befreit von einer Menge von Eindrücken. Nun interessiert ihn nicht mehr der Wechsel der Gesichtseindrücke, welche sich ihm darbieten. Denn es ist „das Haus", immer dasselbe Haus im wech- 91