Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Begriff und Wirklichkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hugo Bergmann kosmischer Höhe erhob. Er nannte diese höchste Einheit und höchste Zweiheit: Ich und Du. Diese Zweiheit Ich-Du ist das Wesen der Welt. Es ist eigentlich keine Zweiheit, sondern Einheit; die beiden Pole dieser Einheit, das Ich und das Du, sind nichts als die beiden Pfeiler des Bogens, der sich zwischen ihnen wölbt. Das Wesen der Welt ist Beziehung. Sie ist früher als die bezogenen Elemente. Buber veranschaulicht dies an dem Beispiel der Liebe. Es ist nicht so, wie man gewöhnlich glaubt, daß die Liebe ein subjektives Gefühl ist, welches in des Menschen Brust wohnt. Vielmehr tritt der Mensch, welcher liebt, in die Liebe ein. „Gefühle wohnen im Menschen, aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit; die Liebe ist zwischen Ich und Du.64 Die Liebe als Gefühl ist gewissermaßen nur eine subjektive Spiegelung eines Weltvorganges im einzelnen Ich. Wenn wir von diesem subjektiven Widerschein absehen, so ist die Liebe die Weltsubstanz selbst. Denn die Substanz der Welt ist die Beziehung. Was hier von der Liebe gesagt wird, ist noch leichter einzusehen vom Geist. Es ist eine völlig irrige Auffassung zu glauben, daß der Geist etwas Subjektives ist, daß der Gedanke, den ich hege, mein Besitz ist etwa wie die Feder, mit der ich schreibe. Vielmehr ist es umgekehrt. Der Geist lebt und wir treten, indem wir denken, in diesen Geist ein. Der subjektive Idealismus, der unser geistiges Leben in unser Ich, in die Seele oder das Hirn verlegt, irrt. „Nicht das Ich hat Bewußtsein, sondern das Bewußtsein hat das Ich," hat Fichte gesagt. Sehr glücklich illustriert Buber („Ich und Du", Seite 49) das Verhältnis zwischen Geist und Ich durch das Bild von der Luft. „Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du. Er ist nicht wie das Blut, das in dir kreist, sondern wie die Luft, in der du atmest. Der Mensch lebt im Geist, wenn er seinem Du zu antworten vermag. Er vermag es, wenn er in die Beziehung mit seinem ganzen Wesen eintritt. Vermöge seiner Beziehungskraft allein vermag der Mensch im Geist zu leben." Hier nun hören wir das für die Philosophie Bubers entscheidende Wort von der Beziehungskraft. Es ist folgendermaßen zu verstehen: Die Beziehung ist das Wesen der Welt. Aber neben der Beziehung Ich-Du gibt es eine zweite: die Beziehung Ich-Es. Der Mensch hat nicht die Kraft, in der Ich-Du-Beziehung dauernd zu leben, sei es nun in der Liebe oder im Geiste oder, um einen dritten Aspekt anzuführen, in der Sprache, denn auch sie ist transsubjektiv, nicht Besitz des Einzelnen, sondern den Einzelnen umfassend. Des Menschen Beziehungskraft läßt nach und während er eben noch in der unmittelbaren Gegenwart des Du lebte, mit ihm durch jene „Luft" 90