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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Freiheit und Bindung in Nationalismus und Religiosität
Date
1928-01-01
Page
88 (sequence 3)
Language
German
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Felix Weltsch Recht analog liegt das Problem der religiösen Entwicklung. Auch hier handelt es sich um die Frage der Freiheit des Ich. Nur war hier — aus einleuchtenden Gründen — die Gebundenheit des Individuums an das Überlieferte, ja sogar an den Buchstaben des Überlieferten vorherrschend. Die Aufgabe des Ich lag weit mehr in der vollen Einordnung des Ich unter das Überlieferte, als in der Fortentwicklung des Übernommenen, es sei denn innerhalb eines theologisch-rationalistischen streng abgezirkelten Spielraumes. Aus diesem Grunde gab es hier keine Freiheit im positiv schöpferischen Sinn, sondern nur eine rein negative Freiheit; eine Freiheit der Flucht, des Abfalls. Wer zur Einordnung zu viel oder — weit öfter — zu wenig Kraft hatte, stellte sich außerhalb der Religion und der religiösen Entwicklung. Freilich wurde auch in dieser Beziehung im letzten Jahrhundert ein Versuch gemacht, zu einer positiven Freiheit zu gelangen. Es war der Versuch des Liberalismus. Er mißlang. Es kam zu keiner schöpferischen Fortentwicklung, sondern nur zu einem matten Abbau. Warum ist dieser Versuch mißlungen? Es ist vielleicht möglich, im Begriffe der Religiosität, wie ihn Buber ausgebildet hat, eine Antwort dafür zu finden. Es gehört zu Bubers wesentlichsten Leistungen auch im Gebiete der Religiosität eine Du-Welt und eine Es-Welt zu unterscheiden; oder, wie man einfacher sagen könnte, aufs schärfste zwischen dem Erlebnis Gottes und dem Glauben an Gott zu sondern, wobei er zur Theorie vom mystischen Gotteserlebnis einen neuen äußerst charakteristischen Beitrag leistet: daß dieses Erlebnis nämlich stets ein Du-Erlebnis, eine „Begegnung" sei. Der Liberalismus ist nun tatsächlich ein Versuch einer Synthese von Treue und Freiheit — wie wir es vorhin beim Nationalismus sahen — ein Versuch der freien Umschöpfung des übernommenen Materials; aber dieser Versuch geht durchaus nur im Bereiche der religiösen Es-Welt vor sich. Und darum führte er zu keiner neuen Religiosität, sondern höchstens zu einer neuen Theologie. Martin Buber versucht die religiöse Umschöpf ung im Reiche der religiösen Du-Welt. Er nimmt die Vergangenheit der religiösen Du-Erlebnisse in sich auf und teilt sie uns, neu gestaltet durch sein individuelles Du-Erlebnis, mit. Die religiöse Welt, aus dem er schöpft, in die er eindringt, ist der Chassidismus; sie ist näher, kleiner und intimer als die uns fernen und unerreichbaren Erlebnisse der Propheten, der großen Schöpfer der jüdischen Religiosität. Das fühlte wohl Buber, er suchte und fand den Weg, dieses 88

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