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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 87

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Freiheit und Bindung in Nationalismus und Religiosität
Date
1928-01-01
Page
87 (sequence 2)
Language
German
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Freiheit und Bindung in Nationalismus und Religiosität meinschaft wieder zurück. Dieses Angewiesen-sein auf das Material der Vergangenheit und der Gemeinschaft und diese Freiheit, das übernommene Material durch individuelle Kraft umzuformen, umzuschaffen — das ist der neue Nationalismus. Der Mensch ist nicht losgelöst von seiner Vergangenheit; denn die Vergangenheit gibt ihm das Material für seine individuelle Leistung. Jede Loslösung raubt ihm Wesentliches von seinem Wesen. Die Vergangenheit hat ihn als Träger, Fortsetzer, Umgestalter und Neuschöpfer ihres Erbgutes geschaffen. Der Einzelne ist gebunden an dieses Gut; nur in ihm kann er voll wirken; denn es ist für ihn bestimmt und er ist für es bestimmt. Es kommt seiner schöpferischen Kraft entgegen, denn diese ist aus jenem Erbgut hervorgegangen; aber nicht als mechanisches Werkzeug, sondern als freies Mittel der Gestaltung. Der Mensch hat die Möglichkeit, seine ganze individuelle, neue, eigene Kraft und Richtung in diesem Material zu betätigen. Niemand kann aus seinem Volk heraus, er ist ein Teil dieses Volkes; aber ein schöpferischer Teil. Wie weit gehen seine Möglichkeiten, umzugestalten? Wie weit darf und kann er ändern? Wie groß ist die Rate des Neuen, Eigenen, Individuellen, die er wagen darf? Die Antwort auf diese Frage hängt von zwei Momenten ab. Von seiner individuellen Kraft und von der Innigkeit seiner Verbindung mit der Vergangenheit. Denn — fehlt diese und ändert er zu viel, so fällt seine Tat aus dem großen schöpferischen Strome des nationalen Lebens wirkungslos heraus, wie eine Welle, die ans Ufer schlägt. Denn seine Umschöpfung ist nur dann wirksam, wenn sie ins Volk zu dringen vermag, wenn sie eingreift, mitnimmt, mitreißt. Und das vermag sie nur dann, wenn in der Gesamtheit die Voraussetzungen der Empfänglichkeit liegen; diese Voraussetzungen der Empfänglichkeit aber sind von dem bisherigen Volksleben geschaffen, hängen also von dem Material der Vergangenheit ab. Nur dann also wirkt die Umschöpfung, wenn sie vollgesogen ist von Erbmaterial; denn nur dann findet sie die Resonanz, welche sie erst wirksam macht. Und so steht hier eine Art Proportion vor uns: Je mehr der Einzelne Vergangenheit in sich hat, desto größer ist die Freiheit für seine individuelle Tat. Je mehr er sich gebunden fühlt, desto freier darf er sein. Und um so größer ist das Maß des individuellen Neuen, das er dem nationalen Erbgut zuführen kann, je mehr nationales Erbgut er in sich hat. Je treuer er ist, desto freier darf er sein. In diesem Spiele von Freiheit und Gebundenheit, in dieser Möglichkeit der Umschöpfung durch das Individuum liegt der metaphysische Sinn des Nationalismus, zu dem Martin Buber uns die Wege gewiesen hat. 87

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