Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Freiheit und Bindung in Nationalismus und Religiosität
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 89 (sequence 4)
- Language
- German
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Freiheit und Bindung in Nationalismus und Religiosität Reich, religiöser Wirklichkeit für uns, Menschen dieser Zeit, wirksam zu machen. Auch hier wieder führt der Weg zur Freiheit üher die Gebundenheit; und Buber fand den Mut zur Neu- und Umschöpfung unserer jüdischen Religiosität durch seine tiefe innere Bindung an den Chassidismus. Das Phänomen der Umschöpfung in diesem Sinn steht so sehr im Mittelpunkt seines Schaffens, daß von hier aus all seine reiche Betätigung im höchsten Grade einheitlich, aus einer Quelle entspringend und nach einem Ziele gerichtet erscheint. Seine ununterbrochene Beschäftigung mit dem Chassidismus und die unermüdliche Verarbeitung und Umgestaltung dieses religiösen Reichs in Worte und Gedanken unserer Zeit — seine Betätigung auf dem Gebiete des Zionismus und der jüdisch-nationalen Politik —, seine neue Bibelübersetzung, der Versuch, der Heiligen Schrift neuen Klang, neue Worte und neue Poesie zu geben durch letztes Zurückgehen auf ihre Urworte — sowie schließlich seine religionsphilosophischen Werke, welche diese Probleme nicht theoretisch, sondern gestaltend und verkündend behandeln — es ist alles beherrscht von der gleichen geistigen Tat: Umschöpfung; Kraft der Freiheit, erwachsen aus der Kraft der Bindung. HUGO BERGMANN astgrtff uttö ^irfcUdjftett Ein Beitrag zur Philosophie Martin Bubers und J. G. Wichtes 1. Die zweite seiner drei Reden über das Judentum, welche Buber??Das Judentum und die Menschheit" genannt hat, schließt er mit den Worten: „So ist und bleibt dies die Grundbedeutung des Judentums für die Menschheit, daß es, der Urzweiheit im innersten Wesen wie kein anderes bewußt, wie kein anderes sie kennend und sie darstellend, eine Welt verkündet, in der sie aufgehoben ist: eine Gotteswelt, die im Leben des Einzelnen und im Leben der Gesamtheit verwirklicht werden will: die Welt der Einheit." Was Buber damals, 1910, über das Judentum gesagt hat, ist bis heute das Zentrum seiner Philosophie geblieben. Immer tiefer bohrend, hat er sich um den Begriff dieser Einheit und dieser Zweiheit bemüht, überall, im Leben des Einzelnen, des Volkes, der Gesellschaft sah er dies Phänomen der Entzweiung, welche Einheit werden will, bis er diese Einheit und diese Zweiheit schließlich zu 89