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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten
Date
1928-01-01
Page
85 (sequence 5)
Language
German
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Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten wohl Sie selber wissen, wie es damit heut in Deutschland bestellt ist, und gerade in den Kreisen, aus denen sich die deutschen Chaluzim rekrutieren. Sondern z. B. vom Schabbos. Orthodoxe mögen es als Chillul Schabbos empfinden, wenn Kolonisten rauchen und Briefe schreiben oder Sportfeste veranstalten. Wir dürfen das doch nicht! Ich wenigstens darf es nicht, da ich selber ursprünglich prinzipiell nur nichts Geschäftliches am Schabbos schrieb, vergnügliche Briefe aber wohl, und von dieser liberalen Art der Schabbosheiligung erst abgedrängt wurde, als eines Tages T. S., der mit mir eine Lehrhausangelegenheit besprach, mir zumutete zu schreiben, weil ich doch sonst schriebe. Erst diese Erfahrung der Undurchführbarkeit solcher Finessen, wenn nicht alle sie so durchführen, hat mich, damals schweren Herzens, zu einer orthodoxen Praxis in diesem Punkt getrieben. Wie kann ich da Menschen, die jene freie und für uns heut sinnvolle Art der Sabbatheiligung, auf die ich selber nur notgedrungen verzichtete, durchführen, — wie kann ich diese Menschen als schlechtere Juden ansehen. Und sogar das Pudendum des zionistischen Erfolges für die meisten Zionisten, die „Schieberstadt66 Tel Aviv — ich kann nicht anders, es imponiert mir, wenn ich höre, daß da alle Geschäfte von Kiddusch bis Hawdole geschlossen sind und die Form also jedenfalls da ist, in die der sabbatliche Inhalt einfließen kann. Wo haben wir das hier? Wo hätte ein liberaler Rabbiner solche Chancen auf volle Bänke? Und wenn ich höre, wie auf der Biramschen Realschule, einer typisch nationalistischen, die Kinder Tnach lesen, dann wird mir bei dem Gedanken an unseren Religionsunterricht und unsere Höchstforderungen für ihn, schwummerig. All das entsteht unter der Ägide des nationalistischen Zionismus. Es ist aber nach meiner Ansicht überhaupt unzulässig, eine Bewegung nach ihren theoretischen Konsequenzenmachern zu beurteilen. Etwa also den Zionismus nach Klatzkin und den C. V.¬ Standpunkt nach Naumann. Das Charakteristische einer Bewegung ist immer der Punkt, wo sie vor ihren letzten Konsequenzen ab- und zur Erde zurückbiegt. Nicht die kleinen Inkonsequenzen der Tagespolitik, aber diese eine große und für die Wirkung entscheidende Inkonsequenz, dieser für die Bewegung charakteristische Brechungswinkel, ist die Konstante, die man erst in die Formel einsetzen muß, um die Wirklichkeit nach ihr berechnen zu können. Ich kann mir vorstellen, daß man jeder Gegenwart ein „Du bist es noch nicht" entgegenhält. Wie man aber wie Sie aus diesem Tun ein Prinzip für die Zukunft, und gar für alle Zukunft, machen kann, ohne die Zukunft damit zu ruinieren, das verstehe ich nicht. Ich habe keine Vorstellung davon, wie man um etwas beten soll, 85

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