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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 86

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten
Date
1928-01-01
Page
86 (sequence 6)
Language
German
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Felix Weltsch was man von vornherein für unmöglich hält. Ich kann nicht beten, daß zwei mal zwei gleich fünf sein solle. Die Propheten haben ein irdisches Zion der Zukunft gemeint. Die Ewigkeit, die wir Juden meinen, liegt nicht im Unendlichen, sondern im „bald, in unseren Tagen". Bitte lesen Sie einmal die Anmerkung zu dem Gedicht „Die frohe Botschaft" in meinem Jehuda Halevi, wegen der Geschichte von Hermann Cohen, die ich da erzähle. Was nur in Ewigkeit kommt, kommt nach dem Wort eines Philosophen, der mir noch maßgeblicher ist als Hermann Cohen — in Ewigkeit nicht . . . FELIX WELTSCH fxti^tit utt& 38tntiting tu $attonaügmtt£ unD &eügtofttät Es ist ein seltener Fall, daß ein Volk einem geistigen Führer schon in der Zeit, da er im Zenith seiner Schaffenskraft steht, sagen kann: Du hast uns einen neuen Begriff unseres Volk-Seins, einen neuen Nationalismus gegeben. Noch seltener ist, wenn das Volk ihm sagen kann: Du hast uns einen neuen Begriff unseres religiösen Seins, eine neue Religiosität gegeben. Martin Buber darf man beides sagen, und wenn man die Scheu vor unserer naiven Dekadenz-Sentimentalität überwindet, so darf man es sogar anläßlich seines fünfzigsten Geburtstages sagen. Es ist bezeichnend, daß die neue Religiosität, die Martin Buber uns in seinen letzten Schriften lehrt, eine analoge geistige Struktur hat, wie der Begriff des Nationalismus, den er uns schon vorher gelehrt hatte. Beide sind aufgebaut auf einem klar formulierten und überzeugend vorgelebten Begriff der „Umschöpfung66. Was ist Bubers neuer Nationalismus? Er ist eine neue Antwort auf die alte Frage nach dem Verhältnis des Individuums zur Vergangenheit und eine neue Antwort auf die alte Frage nach dem Verhältnis des Individuums zur Zukunft und die Vereinigung dieser beiden Antworten in eine. Es ist eine neue Antwort auf die alte Frage nach der Stellung des Einzelnen im Nacheinander der Geschlechter und im Nebeneinander der Volksgenossen. Es ist eine neue Lösung des Gegensatzes von Freiheit und Gebundenheit, von Spontaneität und Treue. Und alle diese Antworten und Lösungen in eine große Lehre vereint: . . Der Einzelne übernimmt das Material der Vergangenheit und schafft es nach seinen individuellen Möglichkeiten zur Zukunft um. Er übernimmt das Material von der Gemeinschaft und gibt es, durch seine eigensten Kräfte verarbeitet und umgestaltet, der Ge- 86

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