Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 84 (sequence 4)
- Language
- German
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Franz Rosenzweig zufriedenen Staatsbürgern der Diaspora, sondern den gleichzeitigen und späteren Tannaim Palästinas. Wie ich mir die messianische Zukunft denke, kann ich nicht so genau sagen. Das ist aber kein Gegenbeweis. Wenn es soweit ist, wird sich das einzelne finden. Ich bin nicht naiv genug, um mir den Eintritt des Völker- und Gruppenfriedens ohne eine radikale, von heut aus gesehen wunderbare, Umschaffung der menschlichen Natur vorstellen zu können. Daß ich den Glauben an eine solche Zukunft habe, verdanke ich dem Siddur und Machsor. Ich kann Zion aus diesem Glauben nicht ausschneiden. Ein wie großes, wie jüdisches, wie „modernes" Palästina drum herum liegt, weiß ich nicht. Daß aber das Drumherum dieses — ja nicht himmlischen, sondern messianischen, also irdischen — Jerusalems vorhanden und im Sinn der Zeit dann auch „modern" sein wird, wahrscheinlich wenigstens, das wird mich dann sicher nicht stören. So wenig wie mich bei der Vorstellung des biblischen Altertums das kulturgeschichtliche Drumunddran stört. Aber auch so wenig ich dem heutigen Palästina seine „Fabriken und Autostraßen" mißgönnen kann. Das gehört dazu. Wozu? Zu den Menschen. Die sind das, was ich heut sehen kann, heut schon. Und soweit ich mich auf meine Eindrücke verlasse: unter den Zionisten finde ich die — Theorie hin, Theorie her! — besseren Juden als unter uns. Das wird Ihnen ja kaum anders gehen. Ich gebe unser deutsches Judentum nicht verloren. Aber ich möchte es nicht mit dem Gegensatz zu seinen durchschnittlich Besten belasten. Draußen wird dieser Kampf ja gar nicht verstanden . . . Frankfurt a.M.9den 23. 5.1927 Was kann der Zionismus als politische Bewegung denn für die Religion in Palästina anders tun als er tut? Wir werden doch nicht von ihm verlangen, daß er einen Gewissenszwang ausübt. Gewissensfreiheit ist das einzige, was von ihm verlangt werden kann, außerdem noch Respektierung der Religion, soweit er amtlich mit ihr in Konflikt kommen könnte. Beide Forderangen erfüllt der Zionismus hier und in Palästina mindestens so sehr wie der C. V. Ein positiv religiöses Programm halte ich für den Zionismus genau so für unangebracht wie für den G. V. Auch die Religion hat allen Grund, die Bärendienste der Politiker abzulehnen. Sie braucht Spontaneität. Und wenn ich mir das spontan Entstandene in Palästina ansehe, so muß ich sagen, daß nirgendswo in der Welt die Forderungen des jüdisch-religiösen Liberalismus schon heut in einem solchen Maß verwirklicht sind, wie in Palästina. Ich will nicht von der allgemeinen Durchführung der Miloh sprechen, ob- 84