Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 83 (sequence 3)
- Language
- German
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Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten hervorgerufene positive Leistungen für möglich und wünschenswert (z. B. den „Morgen", und gewisse Extratouren des Philoverlags und des Vortragprogramms in jüdisch ganz verwahrlosten Kleinstädten). Daß er es Zionisten heut unmöglich macht, seine Mitglieder zu sein, halte ich für einen Fehler, aber für keinen entscheidenden. Für einen solchen halte ich dagegen das Verhalten des Liberalismus zum Zionismus. Der Zionismus ist eine politische Bewegung, die das Religiöse Privat- oder Fraktionssache sein läßt. Wenn der Liberalismus wirklich religiös sein will, kann er nicht zu einer politischen Bewegung im — wie Sie formulieren —?>formal striktesten Gegensatz" stehen, sondern nur zu einer religiösen. Ich würde nie wie Sie zu sagen wagen, daß sich der Zionismus an die Stelle der Religion setzen will, obwohl das für viele Zionisten stimmt. Denn es stimmt für noch viel mehr C. V.'er, daß ihnen der C. V. das Judentum ersetzt. Der Weg V. U.s von der jüdisch-politischen Betätigung zu den jüdischen Inhalten wird im Zionismus von vielen beschritten, im C. V. von ganz wenigen. Das Normale sind gerade im C. V. Verhältnisse, wie die, in denen ich aufgewachsen bin: unter zehn Juden waren da gewiß neun, denen der C. V. an der Stelle der Religion stand. Der Misrachismus geht mich als Liberalen unmittelbar zwar gar nichts an. Mittelbar aber doch. Denn ich halte es für eine Illusion, ein liberales Judentum aus sich selbst hervorspinnen zu können. Der jüdische Liberalismus setzt das Vorhandensein eines jüdischen Konservativismus voraus. Deshalb ist es auch für ihn wichtig, wie und ob der Konservativismus sich entwickelt. Denken Sie doch einfach an die Verschiebung des ganzen Problems Groß gemeinde-Austritt und überhaupt des ganzen Zusammenarbeitens innerhalb der X^roßgemeinden, die aus einem konservativen Fortschritt entstehen müßte. Ein Nebeneinander, wie es zwischen Protestantismus und Katholizismus besteht, ist für uns weder wünschenswert noch möglich. Philo?1) Gewiß, so schreiben wir es ungefähr heute auch, besonders wenn wir „in Flaccum" schreiben. Aber was ist von der ganzen alexandrinischen Judenherrlichkeit geblieben? War nicht Philos Neffe schon römischer Pogromgeneral? Und jedenfalls wir, Sie und ich, verdanken, daß wir sind und Juden sind, nicht diesen *) Der Antizionist hatte Philo, In Flaccum II, 524, zitiert: Die Juden kann wegen ihrer Menge Ein Land nicht fassen, deswegen nehmen sie die meisten und glücklichsten Länder und Inseln Europas und Asiens ein und betrachten Jerusalem, wo der heilige Tempel des höchsten Gottes steht, als ihre Mutterstadt, halten aber für ihr Vaterland je das Land, wo sie von Zeiten ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter und noch weiter zurück wohnen, in denen sie selbst geboren und erzogen sind. 6* 83