Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Volk und Individuum
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 79 (sequence 5)
- Language
- German
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Volk und Individuum Das Individuum kann in seiner ewigen Wesenheit durch nationale Gegebenheiten nicht bedingt sein; diese seine Wesenheit läßt sich aus den Wesenszügen seines Volkes nicht restlos ableiten. Persönlichkeit und Volk gleichen nicht Kreisen, deren einer vom anderen umschlossen wird, sondern Kreisen, die einander schneiden. So wenig man an der nationalen Wirklichkeit vorbeisehen darf, so wenig darf man glauben, daß mit der Zugehörigkeit eines Menschen zu einem bestimmten Volke dieser Mensch determiniert ist. Man versündigt sich am Persönlichsten des Menschen, wenn man es in die engen Grenzen des Volkstums zwängen will. Weder das Wesen noch die Aufgabe eines Menschen sind aus Wesen und Aufgabe seines Volkes restlos ableitbar. Hat schon die Idee des Volkes über die Grenzen empirischen Volkstums hinausgewiesen, so tut es noch viel mehr die Idee der Persönlichkeit. Wer seine Persönlichkeit als aus geistigen Welten stammend empfindet, der wird zwar die Wechselwirkung zwischen ihr und dem Volk erleben, jedoch das nationale Moment nicht überschätzen. Völker können einander nur darum berühren und gegenseitig befruchten, weil die Idee des Volkes ebenso wie die schöpferische Wesenheit der Einzelindividuen in jenes allen gemeinsame Reich des Geistes weist, dem Völker und Individuen entstammen und dessen besondere Ausprägungen sie sind. Es ist der Geist, der sich den Körper baut und dieser Geist ist Einer, mögen auch die Formen, die er annimmt, noch so mannigfaltig sein. Nur der wird vor nationalistischer und individualistischer Enge bewahrt bleiben, der im anderen Individuum und im anderen Volk die Ausprägung des gleichen Geistes verehrt, den er und den sein Volk verkörpert. Der jüdische Mensch hatte seit je eine klare Vorstellung von der höheren Wesenheit und damit von der Bestimmung seines Volkes; am deutlichsten kommt diese Vorstellung in der Idee der Auserwähltheit des Volkes zum Ausdruck, einer Auserwähltheit, die nicht der Eitelkeit und Überhebung, sondern jenem tiefen Gefühl des Berufen- und Verpflichtetseins sich, dem eigenen Volk, Gott und der Welt gegenüber entstammt, von dem alle großen Juden durchdrungen sind. Die Berufung ist jener übernatürliche geistige Akt, in dem und durch den sich dem schöpferischen Juden sein Innerstes und dessen äußere Bestimmung kund gibt; es ist der Akt der Offenbarung eines überpersönlichen, göttlichen Geistes, der den unvollkommenen Sterblichen zu seinem Gefäß, zu seinem Werkzeug sich erwählt. Immer aber, selbst in den größten Gestalten der jüdischen Geistesgeschichte, verschwindet das persönliche Bewußtsein des Individuums neben und hinter dem Volksbewußtsein. Der Einzelne fühlt sich als Glied seines Volkes, nicht nur in dem Sinn, 79