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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 80

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Volk und Individuum
Date
1928-01-01
Page
80 (sequence 6)
Language
German
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Viktor Kellner daß er für dieses Volk und in ihm zu wirken berufen ist, sondern auch in dem Sinn, daß er in der Besonderheit seiner Artung und Leistung nur das Volk repräsentiert und so nicht ein Persönliches, sondern ein Nationales kundgibt, das mit dem Göttlich-Geistigen identisch ist. Es scheint, daß durch die Berührung des Judentums mit der Geisteswelt Europas dieses überpersönliche Volksbewußtsein, das Gefühl, daß der Einzelne, und sei es auch der Genialste, nichts ist und das Volk alles, daß dieses Gefühl erschüttert wurde. Das Individuum fordert gegenüber dem Volk sein Recht. Es will seine geistige Existenz nicht mehr dem Volk verdanken, sondern in seinem Persönlichsten frei und autonom sein. Auch seine Aufgabe weist es über den engen Rahmen des Volkes hinaus. So entsteht jener jüdische Typus, dessen Persönlichstes (wie weit dieses Persönlichste mit seinem Jüdischen zusammenfällt, bleibt diesem Typus oft unbewußt) sich außerhalb des Judentums Ziel und Aufgabe sucht. Wir mögen es bedauern, daß so unserem Volke schaffende Kräfte verlorengehen, aber wir müssen es verstehen: das einzelne Individuum kann am Judentum in seiner heutigen Gestalt vielfach nicht sein Genügen finden; wesentlich aber ist: auch die Idee des Judentums führt nicht aus dem Judentum, wie manche meinen, doch über das Judentum hinaus. Von hier gesehen ist der Weg ins jüdische Volk für einen Juden nicht der einzige; das latente Judentum wird auch in nichtjüdischem Leben offenbar werden. (Schöpferisch im höchsten Sinne wohl nur in jüdischem Leben, in der steten kraftzeugenden und kraftsteigernden Wechselwirkung von Volk und Individuum.) Freilich, das Volk mit seinem gesunden nationalen Instinkt wird solche Weitherzigkeit ablehnen und von seinem Standpunkt aus mit Recht verlangen, daß der schöpferische Jude im Judentum wirke und durch das Judentum in die Menschheit. Wie weit dies geschehen kann, ist nicht allein Sache der äußeren Wirkensmöglichkeiten, die sich für das Individuum im Judentum ergeben, sondern vornehmlich bedingt durch einen Ausgleich zwischen den persönlichsten Bedürfnissen des schaffenden Menschen und den historischen Ansprüchen eines Volkstums, das diesen Bedürfnissen zu enge Grenzen zu setzen droht. Das historische Judentum wird seine Grenzen erweitern müssen, damit das schöpferische Individuum um der „Bewährung des rechten Lebens in der Enge" willen auf scheinbar reichere Schaffensmöglichkeiten verzichte. 80

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