Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Volk und Individuum
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 78 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Viktor Kellner liehe zugleich. Wir erkennen, daß ein Volk nur durch den Geist wird und um des Geistes willen da ist, damit er sich verwirkliche. Die nationale Gegebenheit und diese nationale Aufgabe können wir uns nicht schöner deutlich machen als im Bilde der Jakobsleiter: fest steht sie auf dem Erdboden und ihre Spitze ragt in den Himmel. Die konkrete Leistung eines Volkes vollzieht sich wohl im Rahmen seines Volkstums; sie bleibt aber nicht im Volk beschlossen. Die ewige Aufgabe weist das Volk über die engen Grenzen seines natürlichen Wesens hinaus. Und die letzten Ziele des Volkes sind Ewigkeitsziele. Indem es seinem höheren Wesen lebt, verwirklicht es den Geist, gibt ihm die konkrete Gestalt seiner scheinbar zufälligen, in Wahrheit notwendigen Formen; in seinen höchsten Gestaltungen hebt es sich aus der Welt der Erfahrung in die Welt reinen Menschentums und jener Ewigkeit, in der seine Idee ihren vollkommensten Ausdruck findet. * Das einzelne Individuum, und sei es auch das genialste, hat die großen Linien seiner Entwicklung vorgezeichnet; das Siegel der Volksnatur ist seinem Wesen von Geburt an aufgeprägt. Und doch ist das Individuum als solches frei, zu wollen und zu schaffen nach eigenen Gesetzen. Die Antinomie von Vorherbestimmung und Willensfreiheit wiederholt sich im gegenseitigen Verhältnis von Volk und Individuum: die nationale Art erscheint von Urbeginn, seitdem das Volk in die Geschichte eintrat, in ihren wesentlichen Grundzügen für alle Ewigkeiten prädestiniert; und doch wird der geniale Einzelne seine schöpferischen Kräfte in Freiheit entfalten, ungehemmt von den historischen Mächten des Volkstums, dem er entstammt. Aber im nachhinein wird gerade er als der vollkommenste Repräsentant jener Wesenszüge erscheinen, die den Begriff des Volkes konstituieren. Mag es dem Verstand unfaßbar und unerklärlich sein, so gilt es doch, daß Freiheit und Notwendigkeit, Wollen und Müssen, Wesen und Schicksal letzten Endes Eines sind. Es ist nicht blinder Zufall, daß ein Mensch in ein Volk hineingeboren wird; sein Persönlichstes ist in Harmonie mit den Wesenszügen seines Volkes. Das Individuum kann nicht schaffen, wenn es nicht an seine Tat glaubt, an ihren Ursprung aus dem freien Willen, an ihren absoluten inneren Wert und an die Entscheidung, die sie bedeutet. Und doch ist die Wirkung der Tat vielfach bedingt; tritt sie ja aus der Welt der Freiheit in die Welt der Ursächlichkeit; aber sie wäre nie getan worden, wenn der Glaube daran gefehlt hätte, daß sie, und nur sie, das Letzte und Höchste zu vollbringen vermag. 78