Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Volk und Individuum
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 77 (sequence 3)
- Language
- German
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Volk und Individuum Raum bedingt und den Wirklichkeiten des realen Lebens verhaftet sein, so sind sie doch in ihrem Wesentlichen, in dem Neuen und Erstmaligen, das sie in diese Wirklichkeit hineintragen, geistigen Welten entsprungen und darum frei. Nur indem sie die Wirklichkeit durchdringen, wird wahres Leben; Wirklichkeit ohne Idee ist tot, Idee ohne Wirklichkeit leer und schemenhaft, weil des realen Seins entbehrend. Nationale Wirklichkeit und nationale Idee sind ganz verschiedene Welten. Selbst wenn wir imstande wären, den äußeren und inneren Habitus eines Volkes zu erkennen, bewegten wir uns immer nur im Bereich der Wirklichkeit; die Idee des Volkes, sein höchstes Geistiges, das ewige Gesetz seiner inneren Natur bliebe uns verborgen. Nicht Völkerpsychologie führt zum Geist eines Volkes. Das Reich der Idee spannt sich jenseits aller Wirklichkeit und darum auch jenseits aller Wissenschaft, hoch über ihnen; sie ist nur einem Geist erschaubar, der ihr gleicht und der sie darum intuitiv zu erleben vermag. Das ist die Größe Martin Bubers: er hat uns in der Zeit schwerer Krise den Weg zum Geist des Volkes gewiesen und uns all die herrlichen Wunder dieses Geistes erschlossen. Ihm war es vergönnt, die tiefsten Blicke in unsere Wesenheit und in die Wesenheit des Orients zu tun und auch wir durften jene Welten mit ihm schauen. Er erfuhr in sich das absolute Leben des Volkes und wurde sich seiner unsterblichen Substanz bewußt. Seine Idee vom Volk trägt jene Allgemeinheit an sich, die der Idee eignet; sie steigt nie ins Konkrete, ins Alltägliche hinab. Und doch — vielleicht gerade darum — bleibt seine Idee nicht bloße Idee: so wie sie zuerst im Konkreten und an ihm sichtbar wurde, so strebt sie sich ihm immer wieder zu verbinden; sie weist uns den „heiligen Weg", den Weg ins Leben, das durch unsere Tat gestaltet, verwirklicht, vergöttlicht werden soll. Der heilige Weg ist tiefster Sinn, letztes Ziel dieser Idee; ihre Wahrheit bleibt nicht abstraktes Theorem, sondern wird konkrete Wirklichkeit, lebendige Tat; und Unbedingtheit ist die Form, in der diese Idee erscheint und wirkt. Indem so die Idee kein Gegebenes ist, sondern ein Aufgegebenes, kein jemals zur Gänze Verwirklichtes, sondern ein immer von neuem zu Verwirklichendes, kein Vergangenes, sondern das ewig Zukünftige, ist und wird sie wahrhaft Idee, das ist ein auf sich selbst Gestelltes, Unableitbares, ein nicht Bedingtes, ein Absolutes. Die nationale Bewegung hat unzweifelhaft das Verdienst, daß sie uns die fundamentale Wirklichkeit des Nationalen erkennen und beachten gelehrt hat; aber die tiefe Auffassung Bubers hebt uns hoch über alles Nationale empor ins Menschheitliche und Gött- 77