Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Volk und Individuum
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 76 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Viktor Kellner und erkannt wird. Fühlt es sich in seiner Reinheit gefährdet oder in seiner Existenz bedroht, so wird dieser Akt des Bewußtwerdens Kräfte der Abwehr wecken. So haben Bewußtsein und Erkenntnis neben ihrem Eigenwert auch einen Wert für die Erhaltung und die Höherentwicklung des Individuums. Jede Entscheidung im Leben des Individuums, die von innen oder von außen her notwendig wird, ruft nicht nur instinktmäßig mehr oder minder unbewußte Reaktionen der Tat hervor, sondern sie bedient sich auch des Mittels der Besinnung, um durch sie neue Lebenskraft zu erzeugen. Auch ein normales Volk lebt unbewußt, fast vegetativ, solange es in seiner äußeren Existenz nicht bedroht ist. Tritt aber an dieses Volk die Entscheidung über Sein oder Nichtsein heran, läuft es Gefahr, von außen her vernichtet zu werden oder sich selbst aufzugeben, dann ist der erste Akt der Abwehr die Selbstbesinnung. Das ist keine Besinnung auf das bloß empirische Ich, auf die zufällige Erscheinungsform, die das Volk in diesem Augenblicke seiner Geschichte darstellt, sondern eine klare Erkenntnis seiner höheren Wesenheit, seines zeitlosen, unverlierbaren geistigen Ich, der Idee seines Volkstums, in deren Bild dieses Volk geschaffen ist. Das jüdische Volk lebt in einer Zeit solcher letzten Entscheidung. Es ist nicht naiv und selbstsicher, sondern fühlt sich gefährdet, ja vom Untergang bedroht. Die schützenden Hüllen objektiver nationaler Gegebenheiten, wie Land, Sprache, Sitte, Kultur, lebendige Volksgemeinschaft hat es verloren. Es vermag den völligen Untergang nur abzuwehren, indem es sich sein tiefstes Inneres, die Idee des jüdischen Volkstums, vergegenwärtigt. Kann man von der Idee eines Volkes sprechen? Ist nicht Volk bloße Wirklichkeit, leibliche und geistige, so oder so gelebt, erkannt und formuliert? Hat etwas, das als Wirklichkeit erkannt und deskriptiv dargestellt werden kann, Werte der Ewigkeit in sich? Inwiefern erhebt es sich über diese Wirklichkeit? Und ist nicht nationales Wesen bedingt durch die historische Entwicklung dieses Volkes sowie durch die mannigfaltigen Einflüsse seiner Gegenwart? Und ferner: wenn es ein Bedingtes ist, ist es nicht auch ein Bedingendes, etwas, das dem einzelnen Individuum die innere Freiheit nimmt, den tiefsten Gesetzen seiner Natur gemäß zu leben, sein Wesen und sein Wollen in feste Bahnen zwingt, in die Bahnen eines Gewesenen, das immer von neuem wird, wie es werden muß? Wie kann man von der Idee eines Volkes sprechen, wenn weder das Volk noch das Individuum, soweit es national bedingt ist, dem Reich jener Freiheit angehört, dem die Ideen entstammen? Mögen die großen menschheitlichen Ideen, seien sie religiöser, künstlerischer oder philosophischer Art, vielfach durch Zeit und 76