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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 74

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit
Date
1928-01-01
Page
74 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Erich Hirscliberg Lage, das Bekenntnis eigenen vergangenen und gegenwärtigen Kampfes werden dabei Lehrer und Schüler enger verbinden, Zugang von Mensch zu Mensch schaffen und damit besseres pädagogisches Mittel sein als Worte und Lehren. Wer noch die Quellen der eigenen Reife aufzeigen kann, der wirkt nicht bloß durch das, was er sagt, sondern mehr noch durch die unbewußte Kraft, die von jeder echten menschlichen Erfahrung auf andere übergeht. Der vorbegangene Weg gibt mehr Vertrauen als alle Wegbeschreibung. In früheren Jahren hat man sich mit Hilfe exakten Wissens das Postament seiner Weltanschauung errichtet; die klassische Bildung etwa des humanistischen Gymnasiums lieferte vorbildliche Begriffe (virtus, kallokagathia), denen nachzuleben höchstes Bestreben war. Aber das hat sich gewandelt. Abstrakte Idealvorstellungen sind nicht mehr wirksam genug. Auch auf den Universitäten sind es nur noch Ausnahmen, die einem inhaltlich bestimmten Bildungsideal nachstreben, das ja zwangsläufig nur aus der Vergangenheit gespeist werden kann, während der Bildungsbegriff unserer Zeit ganz und gar im Flusse ist. In dieser Lage scheint es auch wenig versprechend, in der Art der früheren Jahrzehnte den Begriffsinhalt des Judentums in die Mitte jüdischer Erziehung zu stellen. Die „Lehren des Judentums", historisch und philosophisch von größter Bedeutung, erhalten ihren pädagogischen Wert erst dann, wenn der jüdisch verwurzelte Mensch da ist, der sie selbst fruchtbar aufnimmt. Die jüdische Verwurzelung hebt aber nicht bei der jüdischen Lehre an, sondern bei den jüdischen Menschen, denen sie Lebensnotwendigkeit, Lebensstützpunkt in einer wankenden Welt ist. Der erst ist jüdisch verwurzelt, dem das Judesein (in unserer Zeit) über das weltanschauliche Gebiet hinaus in seinem einzelnen nackten innersten Leben spürbar wird, dem es in dem Hin und Her seiner geistigen und seelischen Schwankungen der Ruhepunkt wird, das Zeichen, das ihm gestattet, sich in die Menschen- und Völkermassen einzuordnen. Erst dann hat seine Seele Heimstätte in der weiten Welt. Bis hierher muß dringen, wer mit der Lehre für das Judentum werben will. Man wird das Aufrührerische, das in der Jugend lebt, vielleicht mit Sorge verfolgen. Eine scharfe Luft weht heute um die jüdische Frage. Es soll und wird auch hoffentlich eine Zeit kommen, die mehr Sicherheit kennt als die heutige. Der Pädagoge steht heute vor der Frage, ob er die Sicherheit um jeden Preis aufrechterhalten oder ob er sie gegen das Erfordernis selbständigen Durchdenkens eintauschen soll. Martin Buber, der Erzieher kraft echter Berufung, hat den zweiten Weg gewählt und den Weg zu der denkenden Jugend getroffen. Wie er auch auf dem Rednerpult zwischen 74

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