Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 75 (sequence 7)
- Language
- German
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Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit seinen Rednern steht — niemand wird ihn sich predigend vorstellen können —, den Gedanken des anderen, auch des jungen Menschen, verfolgt, sich lieher ausfragen läßt als vorträgt, gewinnt er sich das Vertrauen seines Hörers, wird er dessen Helfer. Die Voraussetzung des Lehrens ist damit geschaffen. Der Inhalt der Lehre tritt zurück hinter der vorhildhaften Gestalt des Lehrenden, die Zutrauen zu seinem Weg und damit Nacheiferung erweckt. Dieser Inhalt aber ist befreiend: Wenn wir an dem Beispiel chassidischer Gläubigkeit und Frömmigkeit die Hohlheit unserer religiösen Betätigung wahrnehmen, wenn wir „Juden und Judentum" nicht einfach als Idee, sondern als ein eigenartig gegenwärtiges Kollektivwesen begriffen sehen, wenn manchmal historische und — seit der Bibelübersetzung noch öfter — biblische Gestalten und Begebenheiten durch neue, dem Geist der Zeit gemäße Betrachtungs- und Deutungsart nahegebracht und erhellt werden. Buber, der als jüdische Eigenheit jene „Tendenz zur Verwirklichung" aufzeigt, folgt seiner Lehrberufung, wenn er — zusammen mit Franz Rosenzweig — den Lehrhausgedanken pflegt und seine Hörer nicht um das Neue, aber um das Alte ringen läßt. Es ist ja gar nicht so, daß etwa die jungen Menschen heute eigensinnig Rat und Hilfe ablehnen; nur ein Mißtrauen ist zu überwinden, das von Enttäuschung großgezogen ist. Dann ist der Weg des Vertrauens frei. Dafür ist Martin Buber ein Beispiel, das zur Hoffnung und Nachfolge ermuntert. Denn auch das lehrt er uns: Daß jeder, der in solcher Weise der Jugend von Juden und Judentum etwas zu sagen hat, damit die Pflicht zum Wirken in sich trägt, der er sich nicht entziehen darf. Buber wird damit Vorbild eines neuen Lehrertums, das sich nicht auf die berufliche Stellung, sondern nur auf Können und Wollen gründet und seinen Befähigungsnachweis allein durch den Erfolg erbringt. VIKTOR KELLNER T£Tolk unD 3nöifaftmum Jede Selbstbesinnung ist der Abschluß oder der Beginn einer inneren Krise. Ein Individuum, das naiv sich und seinem Werke lebt, denkt über sich nicht nach, wenn nicht inneres oder äußeres Geschehen es in seiner geradlinigen Entwicklung, in der Entfaltung seiner triebhaften Anlagen hemmt. Jede Berührung mit Andersgeartetem oder gar Feindseligem wirkt als Anstoß zum bewußten Erleben des inneren Wesens, das erst infolge dieser Berührung erfaßt 75