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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 73

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit
Date
1928-01-01
Page
73 (sequence 5)
Language
German
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Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit geben. Lernen läßt sie sich nicht. Vor kurzem hörte ich einen jungen Theologen hei seiner Festtagspredigt. Seine Deklamation mag ihn selbst vielleicht berauscht haben; seinen Zuhörern wird er immer fernbleiben. Der Ton seiner Worte wird vielleicht eine kurz anhaltende, eigentlich etwas armselige Weihestimmung, aber keine Einkehr hervorbringen. Einkehr braucht Nähe, die Nähe eines Menschen und Lehrers, der inmitten seiner Gemeinde und auf gleichem Boden mit ihr von Mensch zu Mensch spricht und lehrt. Man wird deshalb über den erzieherischen Wert jener Predigten, die heute — Mittelpunkt des Gottesdienstes — von hoher Kanzel herab die Synagogenhallen füllen und auf Massenresonanz reflektieren, sehr skeptisch sein dürfen. Aber das Predigen hat Schule gemacht. Es ist immer die Gefahr des Lehrers, sich in die unangreifbare Position des Predigers zurückzuziehen, zumal wenn sein Beruf ihm sonst die Predigt zur Pflicht macht. So wird denn mit leiserem Tone auch im Unterricht gepredigt, Diskussion vermieden, Argumentation durch hohe Worte ersetzt und vor allem auf Abstand gehalten. Aber gerade hier brauchen wir menschliche Nähe des Darstellenden wie des Dargestellten. Biblische und geschichtliche Gestalten müssen vergegenwärtigt werden, um zu uns zu sprechen. Darzustellen ist nicht bloß, was die Propheten kündeten und die Könige schufen, sondern auch wer sie waren; nicht bloß wes Geistes Kind, sondern auch welcher Mutter Eand sie waren. Erst wenn wir die menschlichen Züge in jenen Gestalten wiederfinden, werden wir ihre Höhe, ihren Abstand von uns ermessen, und doch werden sie uns nahe sein. Wir glauben — vielleicht! — an Mose und die Propheten, aber haben keine Beziehung zu ihnen. Es ist bezeichnend, daß sie uns heute von den Dichtern wieder nahegebracht werden und nicht von denen, die dazu berufen sind, den jüdischen Lehrern. Diese Veranschaulichung der jüdischen Lehre aus dem Verständnis des jungen Menschen heraus wird aber nur dann möglich sein, wenn es dem Lehrer gelingt, die durch Alter, Stellung, Reife natürliche Kluft zwischen sich und seinem Hörer zu überbrücken. Auf dessen Gedankengang einzugehen wird wichtigste Voraussetzung des Erfolges sein. Die bekannte erzieherische Regel, durch eigenes Denken den Schüler die Lösung finden zu lassen, muß auch hier gelten, wenn es auch noch so schwierig erscheint. Daß gerade hier es vom Übel ist, wenn der Lehrer kraft seiner Stellung Glauben beansprucht, versteht sich von selbst. Je sicherer ich meiner bin, um so mehr kann ich auf Ketzergedanken eingehen, mich auf eine Stufe mit meinen Hörern stellen, in ihrer Sprache von meinen Dingen reden. Die ungeschminkte Darstellung der verworrenen 73

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