Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 72 (sequence 4)
- Language
- German
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Erich Hirschberg kann, — bis zur religiösen Betätigung, dem echten Gebet, wird es noch lange währen. An nationale Kräfte zu appellieren ist zeitgemäßer. Mag man es Blut, Rasse, Stamm oder Nation nennen, hier verbergen sich physische und psychische Bindungen, die der Einzelne nicht ohne Einbuße an seinem Selbst, ohne eine Art Selbstverstümmelung aufgeben kann. Die jüdische Gemeinschaft weist schon durch ihre Existenz eigener Art ihren Angehörigen einen besonderen Lebenssinn zu. Die Erkenntnis der Zusammenhänge, die es gestatten, eine Leistung als jüdisch zu benennen, wird auch den sein jüdisches Sein bejahen lassen, dem religiöser Sinn abgeht. Die Anwendung westeuropäischer Maßstäbe auf den jüdischen Volksbegriff wird freilich Einwände wie die Gustav Landauers hervorrufen können. Auch der Anspruch des Volkes findet seine Grenzen, und zwar nicht bloß in Ansprüchen der Einzelpersönlichkeit, sondern der Mitvölker und des Menschenvolks überhaupt. So werden sich gerade der neueren Deutung des „Judentums" auch vom sozialistischen Gedanken her Fragen entgegenstellen. Bei diesen Schwierigkeiten des Stoffes ist es schon ein großer Erfolg, wenn der Lehrende solche aus ernstem Denken und Fühlen geborene Fragen erreicht; denn erst dann ist es ihm gelungen, den Boden anzurühren, in den er seine Lehren senken kann. Der Lehrer unserer Zeit weiß, daß er nicht bloß mit dem Stoff, sondern mindestens im gleichen Maße mit seiner Person zu wirken hat. So mancher glaubt um so richtiger zu arbeiten, wenn er sich vom Stoffe entfernt hält, den Stoff für sich sprechen läßt. Das Ergebnis ist die trockene Kathederweisheit der Hochschulprofessoren, der der unmittelbare erzieherische Einfluß abgeht. Man möchte meinen, daß die jüdischen Stoffe dieser Fiktion einer Objektivität am ehesten widersprächen. Wenn jüdischer Geschichts- oder Sprachunterricht in der unlebendigen, unkritischen Form mechanischen Lernens von Begebenheiten und Vokabeln erteilt wird, liegt darin auch kaum prinzipielles Wollen, als vielmehr einfaches Nicht-Können. Die Religionsschulen mancher Gemeinde gehören daher wohl zu den rückständigsten aller Lehreinrichtungen. Häufiger versucht man gerade auf jüdischem Gebiete aus einem anderen Fehler den Schwierigkeiten des Stoffes und des Schülers auszuweichen: man predigt. Nicht bloß auf der Kanzel, wo man sich daran gewöhnt hat, sondern auch im Schulzimmer oder am Versammlungstische. Dieses Predigen ist bequem; es schneidet jede Diskussion ab, indem es eine Tonart anschlägt, die der Zwiesprache nicht fähig ist. Es bringt keine Argumente, sondern will sie ersetzen. Gewiß geht auch von der Rede, wo sie zur Verkündung wird, Kraft und Erkenntnis aus; aber nur wenigen — zumal in unserer Zeit — ist solche Rede ge- 72