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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 71

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit
Date
1928-01-01
Page
71 (sequence 3)
Language
German
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Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit will denn wirklich uns die unfehlbare Wahrheit weisen? Es gibt ja Jugend, die — erdrückt von der Wucht des Thorageistes im elterlichen Hause — stillschweigend die Lehre entgegennimmt, um sie weiterzutragen. Aber immer gab es auch junge Menschen, deren Trotz sich gegen schweigende Empfangnahme aufbäumte, die erst erringen wollten, um zu besitzen. Man sagt uns wohl, das wäre für die anderen Völker gut, nicht für die Juden; man weist auf die Zerstreuung der Judenheit, die ihr einziges Bollwerk nach dem Verlust eigenen Raumes in der in aller Strenge überlieferten Lehre besessen hat. Der Einwand soll nicht unterschätzt werden; der Blick auf das Jahrhundert, das der bürgerlichen Befreiung der Juden gefolgt ist, stimmt gewiß bedenklich. Aber man wird erwidern: können wir Judentum erhalten auf Kosten bester Jugendkraft, wie sie sich gerade in jenem Geiste äußert, der sich seinen Besitz selbst erstreiten will? Der aus der Unberührtheit und Unbeschwertheit des jungen Morgens in den Tag mit seinen Aufgaben eintritt? Oder ist es — trotzdem — unser Schicksal, das von uns fordert, auf jugendlichen Sinn zu verzichten um unserer uralten Überlieferungen willen? Und wenn dies unser Schicksal ist, verlangt es nicht von uns Heutigen zu viel? Man kann sterben einzig seines Volkes wegen, kann man auch leben einzig seines Volkes wegen? Solche und viele andere Fragen drängen in den denkenden jungen Menschen nach Antwort. Wer Judentum als Religion lehrt, muß sich klar darüber sein, daß er etwas lehrt, was dem Geist unserer Zeit fremd ist. Echte Religiosität, das Empfinden, einer stärkeren, überweltlichen Macht unterworfen zu sein, ist bei unvoreingenommener Betrachtung außerhalb streng orthodoxer Gesinnung ganz selten und gewiß nicht in unseren großen kirchenähnlichen Synagogenbauten zu finden. Wir sind heute feinfühliger in der Unterscheidung von Ethik, Ästhetik und Frömmigkeit. Das Sittengesetz ist heute nicht mehr an Religionen, geschweige an ein bestimmtes Bekenntnis gebunden; das Schönheitsgesetz, das dem feiner organisierten Menschen die Erhöhung seines Alltags erlaubt, wird vom Kunstsinn gegeben, der nicht mehr religiös abhängig ist. „Innige Ergebenheit in Gott" ist dem zivilisierten Europäer eigentlich unnötig geworden, da er inmitten der Fülle menschlicher Sicherheitseinrichtungen den Gedanken seiner Welteinsamkeit kaum noch hat und jedenfalls nicht Zeit hat, bei ihm zu verharren. Diese Eindrücke stürmen auf den jungen Menschen ein, und gerade der junge Jude in seinem ausgeprägten intellektuellen Denken wird in dem Wege religiöser Umkehr gehemmt sein, — wenn es heute überhaupt schon so weit ist. Vielleicht, daß man religiöses Gefühl in ihm wieder anrühren 71

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