Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Von jüdischem Lehrertum in unserer Zeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 70 (sequence 2)
- Language
- German
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Erich Herschberg reu Lehrgegenständen fremd sind. Praktischen Nutzen wirft jüdischer Unterricht nicht ah; in Lebensfertigkeiten läßt er sich nicht umsetzen. Der Unterricht der alten Sprachen und der Geschichte begegnet zwar der Kritik, wird aber schließlich als Bestandteil eines vorgeschriebenen Lehrplans hingenommen. Im jüdischen Unterricht ist eine solche schweigende Hinnahme zwar sehr üblich, aber dem Gegenstand ganz besonders abträglich. Im Rahmen der elterlichen Erziehung kann man den „Religionsunterricht" an den Schulen an Geltung getrost neben die Klavierstunde setzen. Wer jüdische Stoffe lehrt, muß sich damit abfinden, daß ihm die Unterstützung des Elternhauses meist fehlen wird. An dieser Stelle sind wichtiger die Schwierigkeiten, die von den Schülern selbst in den Stoff hineingetragen werden und die die Zeit mit sich bringt. Es ist mit dem Judentum, richtiger: mit dem Bewußtsein des Judeseins so, daß es allerorts erst wieder geweckt werden muß, um verspürt zu werden. Mehr als sonst muß der Lehrer in die Tiefe des Einzelnen dringen. Wie vielen gelingt es? Gelingt es aber wirklich und wird die Zunge gelöst, so werden auf den Lehrenden Ketzergedanken einstürmen, an denen nicht bloß sein Wissen, sondern seine Persönlichkeit, seine ganze menschliche Haltung erprobt wird. Dieser Vorgang wird erstaunlicherweise auch an Orten mißverstanden, wo man es nicht vermuten sollte. Erst kürzlich hat ein bedeutender deutscher Rabbiner öffentlich die Meinung ausgesprochen, die Wege jüdischer Jugend seien falsch, wenn nicht die Autorität des Gotteswortes sie vorschreibe. Ein seltsamer Weg zu den Herzen dieser Jugend. Man darf es doch nicht verkennen, daß diese jungen Menschen in besonders erschwerter seelischer Lage sich befinden. Ihr Autoritätsgefühl ist durch die Ereignisse der Kriegs¬ und Nachkriegszeit überhaupt erschüttert, ob es nun um die Autorität des Staates, des Erziehers oder der Religion geht. Sie leiden — schon in der Schule — um ihres Judeseins willen, ohne doch dieses Judesein zu begreifen. Die kulturelle jüdische Sphäre ist ihnen häufig mit der Religion entschwunden, die der moderne Geist auch aus den jüdischen Häusern vertrieben hat. Wieviel Väter können noch auf jüdische Fragen ihrer Kinder befriedigende Antwort geben? Man soll nicht sich wundern, wenn gerade die denkenden jungen Menschen — und hierin ist die jüdische Jugend doch gewiß nicht schwach —nach allem erst fragen: nach Gott, nach der Thora, nach dem tönenden Begriff Judentum, nach dem jüdischen Menschen und dem jüdischen Volke, nach der Zukunft der Religion und der Zukunft des Volkes. Und man wird doch gewiß nicht darüber verletzt sein, wenn sich die Frage des bewegten Menschen manchmal in der Form anspruchsvoller Behauptung darstellt. Wer 70