Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 65 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110808--8288-3110932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk tigung dieser Einsicht, wenn wir bei Leutrodt1) lesen, daß in der Bauernsprache die Worte „Freund" und „Freundschaft" nicht existieren und daß es eine Gemeinschaft von Bauern in dem Sinne, wie es z. B. eine Gemeinschaft zwischen Industriearbeitern gibt, nicht gibt und niemals gegeben hat. Das alles gilt vom alten Typus des Bauern. Der moderne, industrialisierte Bauer wird die Maschine zwischen sich und die Erde stellen; er wird nicht mehr Leib an Leib mit der Muttererde verbunden sein, die Bindung an sie wird schwächer und damit werden neue Energien für die Bindung an den Mitmenschen frei werden. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, wird es zwei Lebensformen in Palästina geben: den Kleinbauern, der mit allen Fasern seines Lebens an seine Erde gebunden ist und die er frei von jeglicher Gemeinschaftsbindung nach Bauernart bearbeitet, und den Arbeitsgenossen des mechanisierten Großbetriebes, dessen Liebe sich weniger der Erde und im ausgedehnteren Maß den Genossen zuwendet. Die Bindung, die beide Typen gemeinsam haben werden, die Bindung an das „Volk", werden in ihrer ganzen elementaren Kraft erst kommende Generationen in Palästina empfinden. Sie trägt den gleichen mütterlichen Charakter wie die Erde. 4. Unser Sprachgebrauch hat den mütterlichen Charakter des Wesens „Volk" stärker in Erinnerung behalten als unser Bewußtsein, wie die noch heute üblichen Figurenbezeichnungen, wie z. B. Germania, La France usw. zeigen. Wir sind gewöhnt, vom „Schoß der Kirche" oder vom „Schoß der Familie" zu sprechen und bringen damit zum Ausdruck, wie stark wir noch in uns den mütterlichen Charakter einer Menschengemeinschaft empfinden, deren Teil wir sind. Aber das Erlebnis, die Ur-Mutter Volk wieder als Kraftquelle für unser Leben zu empfinden, als die übergeordnete Wesenheit, der wir mit tiefster Ehrfurcht und dem dankbaren Gefühl der Geborgenheit verbunden sind, haben wir in Westeuropa verloren. Wir ahnen etwas von diesem Erleben, wenn wir die russischen Dichter lesen, Tolstoi, Dostojewski: Wenn Tolstoi mit leidenschaftlicher Liebe an das „Volk" glaubt, sich seine religiösen Überzeugungen vom Glauben und vom Aberglauben der großen russischen Volksmassen bestätigen läßt, wenn Dostojewski den Studenten, die als Angehörige einer höheren Klasse sich vom Volk entfremdet haben, zuruft: „Und doch liegt im Volke unsere ganze A) W. Leutrodt, Der Bauer. (Schriften des Werdandibundes E.V.) 5 Der Jude, Sonderheft 65