Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 64 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110808--8287-3110931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Siegfried Lehmann „Krieche nun ein hier in die Mutter Erde, In die weiträumige, breite, hoheitvolle. Wolleweich ist die Erde dem Frommen, Sie beschützt dich auf deiner Weiterreise, Hebe dich empor, o du Breite, drücke nicht niederwärts, Sei ihm leicht zugänglich und leicht einläßlich, Wie die Mutter den Sohn mit dem Zipfel ihres Kleides Bedecke du ihn, o Erde." Oder man erinnere sich an die Brutus-Legende: Zwei Söhne des Königs Tarquinius und sein Neffe Brutus befragen das Orakel zu Delphi, wer von ihnen König werden würde. Das Orakel antwortet: Derjenige, der zuerst die Mutter küßt. Die beiden Brüder verabreden sich, das Los entscheiden zu lassen, Brutus jedoch war überzeugt, daß der Ausspruch anders gemeint war. Er tat, als ob er strauchelte, fiel auf die Erde und küßte sie, „weil offenbar sie (die Erde) die gemeinsame Mutter aller Sterblichen war1)". Der Jude, der nach dem Abfall vom alten Gott nicht ohne Bindung an eine übergeordnete Wesenheit leben kann, der das Leben des Europäers, dessen „Ich" in selbstherrlicher Isolierung jeder Bindung entsagt hat, nicht leben will, weil es ihm letzten Endes sinnlos erscheint, wendet sich wieder der Erde zu, einen Akt volk ziehend, den die Menschheit schon einmal vollzogen hat. Das war damals, als die Menschheit den Übergang vom Nomadenleben zur Seßhaftigkeit vollbrachte, als die Bindung, durch welche die Männer der Horde einander verbunden waren, der Bindung an ein neues Liebesobjekt Platz machte, der Erde, die jetzt bebaut und als fruchtspendende Mutter geliebt und verehrt wurde. Merkwürdiges Schicksal des Triebes zur Verbundenheit: von Palästina, seiner Erde, vertrieben, hat der Jude seine Liebesenergien von ihr abgezogen und mit aller Gewalt der Volksgemeinschaft zugewandt. Jetzt, wo sich diese zu lockern beginnt und es einsam um ihn wird, werden die Energien frei, die er nun wieder der Erde, seiner Mutter, zurückgibt. Es ist damit zu rechnen, daß die Abgabe eines so großen Quantums von Liebe an die Erde nicht ohne Einfluß auf andere Bindungen im neuen Palästina sein wird, z. B. auf die Bindung an den Mitmenschen. Wird der Jude wirklich ein Bauer werden, wird sich seine Liebe voll und ganz dem zuwenden, was unter ihm liegt, der Erde, so wird keine Kraft freibleiben, die sich nach der Seite wenden könnte, dem Genossen zu. Für uns ist es nur eine Bestä- *) Ebenfalls aus Lorenz zitiert. 64