Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 63 (sequence 6)
- Language
- German
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- IRI
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Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk Kind im Mutterleib gelegen hat.) In Palästina habe ich zum erstenmal einen jüdischen Friedhof gesehen. „Mutterleibssehnsucht46, wie die Psychoanalyse diesen rückwärts gerichteten Trieb nennt, treibt den frommen Juden nach Palästina, um dort zu sterben, und treibt den Chaluz dorthin, um zu leben und die Muttererde zu bebauen. Die Arbeit auf diesem ver« wahrlosten Boden ist unendlich schwer, vielleicht schwerer als die Arbeit auf irgendeinem anderen Stück der Erdoberfläche, und dem Menschen von heute, der nur die ökonomischen Kräfte als einzig und allein vor Gott berechtigte Triebkräfte gelten läßt, muß vieles, was hier auf dieser Erde geschieht, als absurd und rätselhaft erscheinen. Wenn der Chaluz gegen den Typus des Einwanderers mit Leidenschaft kämpft, der aus dem Kauf oder aus der Bebauung der palästinensischen Erde ein „Geschäft" machen will, liegt im .Gründe dieser Erscheinung etwas von der Leidenschaft, mit der ein Sohn seine Mutter vor der Prostitution schützt. — Der Chaluz weiß, daß die Anlage von Plantagen, deren Früchte im Exporthandel verkauft werden, ihm größeren Nutzen bringen wird, als der Ackerbau, der ihm sein Brot liefert. Dennoch neigt er gefühlsmäßig mehr dazu, sich unter Angabe rationaler Gründe für den Ackerbau zu entscheiden. Er will den Mutterboden bebauen, nicht um ihn mit möglichst viel Nutzen zu exploitieren und mit der Fülle seiner Erträgnisse Handel zu treiben, sondern um zu leben, um die lebensnotwendige Nahrung zu haben. Es gibt primitive Volksstämme, denen nur das Essen des Getreides gestattet ist, welches wild gewachsen ist; das Getreide aber, das der Saat entwachsen ist, wird dem Gott geopfert. Das also, was die Erde freiwillig dem Menschen zum Leben gibt, darf er für sich gebrauchen; aber der Gedanke, der Erdensohn soll die Muttererde bearbeiten, um Nutzen für sich herauszuschlagen, war dieser Menschheit fremd. Ganz dunkle Reste dieser Ehrfurcht vor der Muttererde liegen noch im Unbewußten des heutigen Menschen. In einer Generation, die aufgehört hat, sich als Kind des Gottvaters der überlieferten Religion zu empfinden und auf der Suche nach neuen Bindungen die Muttererde sich wieder entdeckt hat, können sich diese uralten, längst verschütteten Schichten der Seele wieder hervorwagen. Dafür, daß diese Schichten einmal einen breiten Raum in unserer Seele einnahmen, daß der Muttercharakter der Erde dem Menschen einmal gewärtig war, gibt uns die Mythologie viele Beweise. Ein Gebet aus der Rigveda der Inder sei hier zitiert1): *) Zitiert nach Lorenz, Der politische Mythos. 63